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Alois Wilhelm Schreiber - Die drei Jungfrauen aus dem See

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Ohngefähr in der Mitte des schönen Thales von Ober-Kappel, da, wo der Weg zum Mummelsee hinaufführt, liegen mehrere zerstreute Wohnungen, die zusammen den Zinken Seebach ausmachen. Wie in vielen Gegenden Deutschlands, so ist es auch hier Sitte, daß an den langen Winterabenden die jungen Mädchen mit ihren Kunkeln sich abwechselnd in einer der Wohnungen versammeln, um sich beim Spinnen die Zeit um so angenehmer durch Singen und Plaudern zu vertreiben. »Zur Spinnstube gehen«, nennt man diesen Gebrauch. Auch die jungen ledigen Bursche aus dem Orte pflegen sich dabei einzufinden, doch beschränken sich Alle auf ehrbare Kurzweil.
Vor vielen Jahren war eines Abends die Spinnstube bei dem reichen Hofbauer Erlfried und Alles munter und guter Dinge, als die Thüre sich leis öffnete und drei weißgekleidete Jungfrauen von ausnehmender Schönheit hereintraten, Jede ein niedliches Spinnrädchen von seltsamer Form in der Hand. Sittsam begrüßten sie die Gesellschaft und die Eine von ihnen fragte mit süßer Stimme an, ob man ihnen, als friedlichen Nachbarinnen, wohl die Gunst gestatten wolle, Theil zu nehmen an der Unterhaltung in der Spinnstube? Augenblicklich, doch nicht ohne wunderliche Gefühle, ward es den unbekannten Nachbarinnen zugestanden; man setzte für sie Stühle in den Kreis und bald schnurrten ihre Rädchen mit den anderen um die Wette. Durch diesen unerwarteten Besuch war freilich die heitere Unbefangenheit des ländlichen Kreises etwas gestört worden und Alle fühlten eine gewisse Scheu; als aber die Jungfrauen mit ihnen so freundlich sprachen und mit ihren klaren blauen Augen so traulich und offen umherblickten, da verlor sich allmälig das unheimliche Gefühl und bald war die vorige Munterkeit und der harmlose Frohsinn der Spinnerinnen wieder hergestellt.
Von nun an fehlten die drei Fremden in keiner Spinnstube mehr. Sobald der Abend dämmerte, stellten sie sich mit ihren Spinnrocken ein und plauderten gesellig mit den Andern, aber mit dem Glockenschlag eilf nahmen sie Kunkel und Hanf zusammen und eilten fort; da half kein Bitten, kein Zureden, noch länger zu verweilen; nichts konnte sie vermögen, über die elfte Stunde zu bleiben. Niemand wußte, woher sie kamen, noch wohin sie gingen, doch raunte man sich ins Ohr, es seyen Fräulein aus dem Mummelsee und bald nannte man sie nicht anders, als das Schwester-Kleeblatt vom See. Seit sie aber die Spinnstuben im Thal zu besuchen pflegten, fanden sich Mädchen und Burschen noch einmal so gern bei diesen Zusammenkünften ein; denn die Seejungfern wußten ihnen gar viel anmuthige neue Lieder und hübsche Geschichten vorzutragen und die Spinnerinnen brachten jedesmal vollere Spulen und feineren Faden von da nach Hause, als früher, wenn gleich ihr Gespinnst mit dem der Fremden an Zartheit und Silberglanz noch nicht zu vergleichen war. Am unerschöpflichsten aber im Lobe der reizenden drei Schwestern waren die jungen Bursche, was manches Schmollen und manchen kleinen eifersüchtigen Zwist mit den Mädchen des Thals herbeiführte; diese grollten jedoch keineswegs mit den Seejungfrauen darob, da deren Betragen sich stets immer in den Schranken der Zucht und Ehrbarkeit hielt und sie den Burschen keinerlei Aufmunterung gaben. Vor Allen war es der Sohn des reichen Elfried, der an den Seejungfern großes Wohlgefallen fand, ja sogar an eine derselben sein Herz verloren hatte. Darum war er auch am ärgerlichsten darüber, daß die Drei jeglichen Abend so früh aufbrachen und er kam auf den Gedanken, eines Abends die hölzerne Wanduhr um eine Stunde zurückzustellen. Gedacht, gethan. Unter Scherz und Lachen verfloß auch dießmal die Zeit; endlich schlug es Elf statt der Mitternachtsstunde; die Jungfrauen nahmen ihr Spinngeräthe und entfernten sich wie gewöhnlich.
Am Morgen darauf gingen Holzhauer am Mummelsee vorüber, da vernahmen sie aus der Tiefe ein seltsames Wimmern und Stöhnen und auf der Oberfläche schwammen drei große Blutflecken. Der junge Erlfried war in derselben Nacht schon schwer erkrankt und in drei Tagen eine Leiche. Die drei Schwestern aber wurden nie wieder im Thale gesehen.
Wilhelm Schreiber, Badisches Sagen-Buch II, Herausgegeben von August Schnezler, Verlag Creuzbauer und Kasper, Karlsruhe, 1846, S. 77 f. (von dt. wikisource)


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