Direkt zum Hauptbereich

Brüder Grimm – Der Fuchs und die Katze.


Der Fuchs und die Katze.

Lovis Corinth - Katze auf Baumstrunk

Es trug sich zu, daß die Katze in einem Walde dem Herrn Fuchs begegnete, und weil sie dachte »er ist gescheidt und wohl erfahren, und gilt viel in der Welt,« so sprach sie ihm freundlich zu. »Guten Tag, lieber Herr Fuchs, wie gehts? wie stehts? wie schlagt ihr euch durch in dieser theuren Zeit? »Der Fuchs, alles Hochmuthes voll, sah sie an von Kopf bis zu Füßen, und wußte lange nicht ob er ihr eine Antwort geben sollte. Endlich sprach er »o du armseliger Wicht, du buntscheckiger Narr, du Hungerleider und Mäusejäger, was kommt dir in den Sinn? du untere stehst dich zu fragen wie mirs gehe? was weißt du? wie viel Künste verstehst du? »Ich verstehe nur eine einzige« antwortete bescheidentlich die Katze. »Was ist das für eine Kunst? fragte der Fuchs. »Wenn die Hunde hinter mir her sind, so kann ich auf einen Baum springen, und mich retten,« »Ist das alles?« sagte der Fuchs, »ich bin Herr über hundert Künste, und habe überdies noch einen ganzen Sack voll Liste. Du jammerst mich, komm mit mir, ich will dich lehren wie man den Hunden entgeht.« Indem kam ein Jäger mit vier Hunden daher. Die Katze sprang behend auf einen Baum, und setzte sich in den Gipfel, wo Aeste und Laubwerk sie völlig verbargen. »Bindet den Sack auf, Herr Fuchs, bindet den Sack auf,« rief ihm die Katze zu,« aber die Hunde hatten ihn schon gepackt, und hielten ihn fest. »Ei, Herr Fuchs,« rief die Katze, »ihr bleibt mit euern hundert Künsten stecken. Hättet ihr heraufkriechen können, wie ich, so wärs nicht um euer Leben geschehen.«

Brüder Grimm, Der Fuchs und die Katze, Kinder- und Hausmärchen, Große Ausgabe, Bd. 1, Dieterichische Buchhandlung, Göttingen, 3. Auflage 1837, S. 457 f.

Beliebte Posts aus diesem Blog

Alois Wilhelm Schreiber - Die drei Jungfrauen aus dem See

Ohngefähr in der Mitte des schönen Thales von Ober-Kappel, da, wo der Weg zum Mummelsee hinaufführt, liegen mehrere zerstreute Wohnungen, die zusammen den Zinken Seebach ausmachen. Wie in vielen Gegenden Deutschlands, so ist es auch hier Sitte, daß an den langen Winterabenden die jungen Mädchen mit ihren Kunkeln sich abwechselnd in einer der Wohnungen versammeln, um sich beim Spinnen die Zeit um so angenehmer durch Singen und Plaudern zu vertreiben. »Zur Spinnstube gehen«, nennt man diesen Gebrauch. Auch die jungen ledigen Bursche aus dem Orte pflegen sich dabei einzufinden, doch beschränken sich Alle auf ehrbare Kurzweil. Vor vielen Jahren war eines Abends die Spinnstube bei dem reichen Hofbauer Erlfried und Alles munter und guter Dinge, als die Thüre sich leis öffnete und drei weißgekleidete Jungfrauen von ausnehmender Schönheit hereintraten, Jede ein niedliches Spinnrädchen von seltsamer Form in der Hand. Sittsam begrüßten sie die Gesellschaft und die Eine von ihnen fragte mit süßer…

Brüder Grimm - Das Lumpengesindel

Das Lumpengesindel.
Hähnchen sprach zum Hühnchen: »die Nüsse sind reif geworden, da wollen wir mit einander auf den Berg gehen, und uns einmal recht satt daran essen, eh sie das Eichhorn alle wegholt.« »Ja, antwortete das Hühnchen, komm, wir wollen uns eine Lust miteinander machen.« Da gingen sie zusammen fort, auf den Berg und weil es ein heller Tag war, blieben sie bis zum Abend; nun weiß ich nicht, ob sie sich so dick gegessen, oder ob sie so übermüthig geworden waren, kurz sie wollten nicht zu Fuß nach Haus gehen, und das Hähnchen mußte einen kleinen Wagen von Nußschalen bauen. Als er fertig war, setzte sich Hühnchen hinein und sagte zum Hähnchen: »du kannst dich nur immer vorspannen.« – »Nein, sagte das Hähnchen, das wäre mir recht! lieber geh ich zu Fuß nach Haus, als das ich mich vorspannen lasse, so haben wir nicht gewettet; Kutscher will ich wohl seyn und auf dem Bock sitzen, aber selbst ziehen, das thu ich nicht.«
Wie sie so stritten, schnatterte eine Ente daher: »ihr Diebsvol…

Alexander Nikolajewitsch Afanassjew - Die Kaufmannstochter und ihre Dienerin

Alexander Nikolajewitsch Afanassjew Die Kaufmannstochter und ihre Dienerin.
Es lebte einmal ein Kaufmann, der hatte eine wunderschöne Tochter. Mit seinen Waren zog der Kaufmann in verschiedene Länder, einmal aber kaufte sie sogar der Zar und klagte dabei »Ich kann keine Braut für mich finden.« »Ich habe eine Tochter,« antwortete der Kaufmann, »die ist wunderschön und so klug, daß sie alles errät, was man denkt!« Da zauderte der Zar keine Stunde, sondern schrieb einen Brief, den gab er seinen Gendarmen: »Geht zur Kaufmannstochter und bringt ihr meinen Brief.« In dem Brief stand: »Komm zur Hochzeit.« Als die Kaufmannstochter den Brief gelesen hatte, weinte sie bitterlich. Dann aber machten sie und ihre Dienerin sich reisefertig. Niemand konnte sie von der Dienerin unterscheiden, so ähnlich sahen sie einander, sie waren noch dazu gleich gekleidet. So gingen sie zur Hochzeit. Die Dienerin aber war darüber neidisch und sagte unterwegs: »Gehen wir auf dieser Insel spazieren!« Auf der Insel schläfe…