Sonntag, 12. Dezember 2010

Alois Wilhelm Schreiber - Die drei Jungfrauen aus dem See

John William Waterhouse - Najaden


Ohngefähr in der Mitte des schönen Thales von Ober-Kappel, da, wo der Weg zum Mummelsee hinaufführt, liegen mehrere zerstreute Wohnungen, die zusammen den Zinken Seebach ausmachen. Wie in vielen Gegenden Deutschlands, so ist es auch hier Sitte, daß an den langen Winterabenden die jungen Mädchen mit ihren Kunkeln sich abwechselnd in einer der Wohnungen versammeln, um sich beim Spinnen die Zeit um so angenehmer durch Singen und Plaudern zu vertreiben. »Zur Spinnstube gehen«, nennt man diesen Gebrauch. Auch die jungen ledigen Bursche aus dem Orte pflegen sich dabei einzufinden, doch beschränken sich Alle auf ehrbare Kurzweil.
Vor vielen Jahren war eines Abends die Spinnstube bei dem reichen Hofbauer Erlfried und Alles munter und guter Dinge, als die Thüre sich leis öffnete und drei weißgekleidete Jungfrauen von ausnehmender Schönheit hereintraten, Jede ein niedliches Spinnrädchen von seltsamer Form in der Hand. Sittsam begrüßten sie die Gesellschaft und die Eine von ihnen fragte mit süßer Stimme an, ob man ihnen, als friedlichen Nachbarinnen, wohl die Gunst gestatten wolle, Theil zu nehmen an der Unterhaltung in der Spinnstube? Augenblicklich, doch nicht ohne wunderliche Gefühle, ward es den unbekannten Nachbarinnen zugestanden; man setzte für sie Stühle in den Kreis und bald schnurrten ihre Rädchen mit den anderen um die Wette. Durch diesen unerwarteten Besuch war freilich die heitere Unbefangenheit des ländlichen Kreises etwas gestört worden und Alle fühlten eine gewisse Scheu; als aber die Jungfrauen mit ihnen so freundlich sprachen und mit ihren klaren blauen Augen so traulich und offen umherblickten, da verlor sich allmälig das unheimliche Gefühl und bald war die vorige Munterkeit und der harmlose Frohsinn der Spinnerinnen wieder hergestellt.
Von nun an fehlten die drei Fremden in keiner Spinnstube mehr. Sobald der Abend dämmerte, stellten sie sich mit ihren Spinnrocken ein und plauderten gesellig mit den Andern, aber mit dem Glockenschlag eilf nahmen sie Kunkel und Hanf zusammen und eilten fort; da half kein Bitten, kein Zureden, noch länger zu verweilen; nichts konnte sie vermögen, über die elfte Stunde zu bleiben. Niemand wußte, woher sie kamen, noch wohin sie gingen, doch raunte man sich ins Ohr, es seyen Fräulein aus dem Mummelsee und bald nannte man sie nicht anders, als das Schwester-Kleeblatt vom See. Seit sie aber die Spinnstuben im Thal zu besuchen pflegten, fanden sich Mädchen und Burschen noch einmal so gern bei diesen Zusammenkünften ein; denn die Seejungfern wußten ihnen gar viel anmuthige neue Lieder und hübsche Geschichten vorzutragen und die Spinnerinnen brachten jedesmal vollere Spulen und feineren Faden von da nach Hause, als früher, wenn gleich ihr Gespinnst mit dem der Fremden an Zartheit und Silberglanz noch nicht zu vergleichen war. Am unerschöpflichsten aber im Lobe der reizenden drei Schwestern waren die jungen Bursche, was manches Schmollen und manchen kleinen eifersüchtigen Zwist mit den Mädchen des Thals herbeiführte; diese grollten jedoch keineswegs mit den Seejungfrauen darob, da deren Betragen sich stets immer in den Schranken der Zucht und Ehrbarkeit hielt und sie den Burschen keinerlei Aufmunterung gaben. Vor Allen war es der Sohn des reichen Elfried, der an den Seejungfern großes Wohlgefallen fand, ja sogar an eine derselben sein Herz verloren hatte. Darum war er auch am ärgerlichsten darüber, daß die Drei jeglichen Abend so früh aufbrachen und er kam auf den Gedanken, eines Abends die hölzerne Wanduhr um eine Stunde zurückzustellen. Gedacht, gethan. Unter Scherz und Lachen verfloß auch dießmal die Zeit; endlich schlug es Elf statt der Mitternachtsstunde; die Jungfrauen nahmen ihr Spinngeräthe und entfernten sich wie gewöhnlich.
Am Morgen darauf gingen Holzhauer am Mummelsee vorüber, da vernahmen sie aus der Tiefe ein seltsames Wimmern und Stöhnen und auf der Oberfläche schwammen drei große Blutflecken. Der junge Erlfried war in derselben Nacht schon schwer erkrankt und in drei Tagen eine Leiche. Die drei Schwestern aber wurden nie wieder im Thale gesehen.
Wilhelm Schreiber, Badisches Sagen-Buch II, Herausgegeben von August Schnezler, Verlag Creuzbauer und Kasper, Karlsruhe, 1846, S. 77 f. (von dt. wikisource)


Montag, 27. September 2010

Brüder Grimm - Das Lumpengesindel

Carl Jutz - Buntes Federvieh

Das Lumpengesindel.

Hähnchen sprach zum Hühnchen: »die Nüsse sind reif geworden, da wollen wir mit einander auf den Berg gehen, und uns einmal recht satt daran essen, eh sie das Eichhorn alle wegholt.« »Ja, antwortete das Hühnchen, komm, wir wollen uns eine Lust miteinander machen.« Da gingen sie zusammen fort, auf den Berg und weil es ein heller Tag war, blieben sie bis zum Abend; nun weiß ich nicht, ob sie sich so dick gegessen, oder ob sie so übermüthig geworden waren, kurz sie wollten nicht zu Fuß nach Haus gehen, und das Hähnchen mußte einen kleinen Wagen von Nußschalen bauen. Als er fertig war, setzte sich Hühnchen hinein und sagte zum Hähnchen: »du kannst dich nur immer vorspannen.« – »Nein, sagte das Hähnchen, das wäre mir recht! lieber geh ich zu Fuß nach Haus, als das ich mich vorspannen lasse, so haben wir nicht gewettet; Kutscher will ich wohl seyn und auf dem Bock sitzen, aber selbst ziehen, das thu ich nicht.«

Wie sie so stritten, schnatterte eine Ente daher: »ihr Diebsvolk, wer hat euch geheißen in meinen Nußberg gehen, wartet, das soll euch schlecht bekommen«, ging damit auf das Hähnchen los. Aber Hähnchen war auch nicht faul, und stieg der Ente tüchtig zu Leib, endlich hackte es mit seinen Sporn so gewaltig, daß sie um Gnade bat und sich gern zur Strafe vor den Wagen spannen ließ. Hähnchen setzte sich nun auf den Bock und war Kutscher und darauf ging es fort in einem Jagen: »Ente lauf zu was du kannst!« Als sie ein Stück Weges gefahren waren, begegneten sie zwei Fußgängern, einer Stecknadel und einer Nähnadel. Die riefen halt! halt! und sagten, es würde gleich stichdunkel werden, da könnten sie keinen Schritt weiter, dabei wär es so schmutzig auf der Straße, ob sie nicht ein wenig einsitzen könnten; sie wären auf der Schneiderherberge vor dem Thor gewesen und hätten sich beim Bier verspätet. Das Hähnchen, da es magere Leute waren, die nicht viel Platz einnahmen, ließ sie beide einsteigen, doch mußten sie versprechen, ihm und seinem Hühnchen nicht auf die Füße zu treten. Spät Abends kamen sie zu einem Wirthshaus, und, weil sie die Nacht nicht weiter fahren wollten, die Ente auch nicht gut zu Fuß war und von einer Seite auf die andere fiel, kehrten sie ein. Der Wirth machte anfangs viel Einwendungen, sein Haus sey schon voll, gedachte auch wohl, es möchte keine vornehme Herrschaft seyn, endlich aber, da sie süße Reden führten, er solle das Ei haben, welches das Hühnchen unterwegs gelegt hatte, auch die Ente behalten, die alle Tage eins lege, so gab er nach. Nun ließen sie sich wieder frisch auftragen und lebten in Saus und Braus. Früh Morgens, als es erst dämmerte und noch alles schlief, weckte Hähnchen das Hühnchen, holte das Ei, pickte es auf und sie verzehrten es zusammen; die Schalen aber warfen sie auf den Feuerheerd. Dann gingen sie zu der Nähnadel, die noch schlief, packten sie beim Kopf und steckte sie in das Sesselkissen des Wirths, die Stecknadel aber in sein Handtuch, darauf flogen sie, mir nichts dir nichts, über die Heide davon. Die Ente, die unter freiem Himmel schlafen wollte und im Hof geblieben war, hörte sie fortschnurren, machte sich munter und fand einen Bach, auf dem sie hinunter schwamm, und das ging geschwinder als vor dem Wagen. Ein paar Stunden darnach hob sich der Wirth aus den Federn, wusch sich und wollte sich am Handtuch abtrocknen, da zerriß er sich das Gesicht mit der Stecknadel; dann ging er in die Küche und wollte sich eine Pfeife anstecken, wie er aber an den Heerd kam, sprangen ihm die Eierschalen in die Augen. »Heute Morgen will mir Alles an meinen Kopf,« sagte er, und setzte sich ärgerlich in seinen Großvaterstuhl – auweh! da traf ihn die Nähnadel noch schlimmer und nicht an den Kopf, so daß er vor Schrecken auffuhr. Nun war er vollends böse und hatte Verdacht auf die Gäste, die so spät gestern Abend gekommen waren, und wie er ging und sich nach ihnen umsah, waren sie fort. Da that er einen Schwur, kein Lumpengesindel mehr in sein Haus zu nehmen, das viel verzehrt, nichts bezahlt und obendrein zum Dank Schabernack treibt.

aus: Brüder Grimm, Kinder- und Haus-Märchen Band 1, Große Ausgabe, G. Reimer, Berlin, 1819, S. 55f f.




Freitag, 17. September 2010

Brüder Grimm - Die alte Bettelfrau


Edgar Degas - Römische Bettlerin


Die alte Bettelfrau.


Es war einmal eine alte Frau, du hast wohl ehe eine alte Frau sehn betteln gehn? Diese alte Frau bettelte auch, und wenn sie etwas bekam, dann sagte sie: »Gott lohn’ euch!« Die Bettelfrau kam an eine Thür, da stand ein freundlicher Schelm von Jungen am Feuer und wärmte sich. Der Junge sagte freundlich zu der armen alten Frau, wie sie so an der Thür stand und zitterte: »kommt Altmutter und erwärmt euch.« Sie kam herzu; sie ging aber zu nahe ans Feuer steh’n, ihre alten Lumpen fingen an zu brennen und sie ward’s nicht gewahr. Der Junge stand und sah das, er hätt’s doch löschen sollen? Nicht wahr, er hätte löschen sollen? Und wenn er kein Wasser gehabt hätte, dann hätte er alles Wasser in seinem Leibe zu den Augen herausweinen sollen, das hätte so zwei hübsche Bächlein gegeben zu löschen.

aus: Brüder Grimm, Kinder- und Haus-Märchen Band 1, Große Ausgabe, G. Reimer, Berlin, 1819, S. 273 f.


Montag, 13. September 2010

Brüder Grimm - Die kluge Else

James McNeill Whistler - The White Girl

Die kluge Else


Es war ein Mann, der hatte eine Tochter, die hieß die kluge Else. Als sie nun erwachsen war, sprach der Vater: »wir wollen sie heirathen lassen.« »Ja, sagte die Mutter, wenn nur einer käme, der sie haben wollte.« Endlich kam von weither einer, der hieß Hans und hielt um sie an, unter der Bedingung, daß die kluge Else auch recht gescheidt wäre. »O, sprach der Vater, die hat Zwirn im Kopf« und die Mutter sagte: »ach, die sieht den Wind auf der Gasse laufen und hört die Fliegen husten.« »Ja, sprach der Hans, wenn sie nicht recht gescheidt ist, so nehm ich sie nicht.« Als sie nun zu Tisch saßen und gegessen hatten, sprach die Mutter: »Else geh in den Keller und hol Bier.« Da nahm die Else den Krug von der Wand, ging in den Keller und klappte unterwegs brav mit dem Deckel, damit ihr die Zeit ja nicht lang würde. Als sie unten war, holte sie ein Stühlchen und stellte es vors Faß, damit sie sich nicht zu bücken brauchte und ihrem Rücken etwa nicht weh thäte und unverhofften Schaden nähme. Dann that sie die Kanne vor sich, und drehte den Hahn auf und während der Zeit, daß das Bier hinein lief, wollte sie doch ihre Augen nicht müßig lassen, und sah oben an die Wand hinauf, und erblickte nach vielem Hin- und Herschauen eine Kreuzhacke gerade über sich, welche die Maurer da aus Versehen hatten stecken lassen. Da fing die kluge Else an zu weinen und sprach: »wenn ich den Hans kriege und wir kriegen ein Kind und das ist groß und wir schicken das Kind in den Keller, daß es hier soll Bier zapfen, so fällt ihm die Kreuzhacke auf den Kopf und schlägts todt!«

Da blieb sie sitzen, und weinte aus Jammer über das bevorstehende Unglück. Die oben saßen, warteten auf den Trunk, aber die kluge Else kam immer nicht. Da sprach die Frau zur Magd: »geh doch hinunter in den Keller und sieh, wo die Else bleibt.« Die Magd ging und fand sie vor dem Faß sitzend, und laut schreiend. »Else was weinst du?« fragte die Magd. »Ach, antwortete sie, soll ich nicht weinen! wenn ich den Hans kriege und wir kriegen ein Kind und das ist groß und soll hier Trinken zapfen, so fällt ihm vielleicht die Kreuzhacke auf den Kopf und schlägts todt.« Da sprach die Magd: »was haben wir für eine kluge Else!« setzte sich zu ihr und fing auch an, über das Unglück zu weinen. Ueber eine Weile, als die Magd nicht wiederkam und die droben durstig nach dem Trank waren, sprach der Mann zum Knecht: »geh doch hinunter in den Keller und sieh, wo die Else und die Magd bleibt.« Der Knecht ging hinab, da saß die kluge Else und die Magd und weinten beide zusammen, da fragte er: »was weint ihr denn?« »Ach, sprach die Else: soll ich nicht weinen! wenn ich den Hans kriege und wir kriegen ein Kind, und das ist groß und soll hier Trinken zapfen, so fällt ihm die Kreuzhacke auf den Kopf und schlägts todt.« Da sprach der Knecht: »was haben wir für eine kluge Else!« setzte sich zu ihr und fing auch an, laut zu heulen. Oben warteten sie auf den Knecht, als er aber immer nicht kam, sprach der Mann zur Frau: »geh doch hinunter in den Keller und sieh, wo die Else bleibt.« Die Frau ging hinab und fand alle drei in Wehklagen und fragte nach der Ursache, da erzählte ihr die Else auch, daß ihr zukünftiges Kind wohl würde von der Kreuzhacke todtgeschlagen werden, wenn es erst groß wäre und Bier zapfen sollte, und die Kreuzhacke fiele herab. Da sprach die Mutter gleichfalls: »ach, was haben wir für eine kluge Else!« setzte sich hin und weinte mit. Der Mann oben wartete auch ein Weilchen, als aber seine Frau nicht wieder kam und sein Durst immer stärker ward, sprach er: »ich muß nur selber in den Keller gehn und sehen, wo die Else bleibt.« Als er aber in den Keller kam, und alle da bei einander saßen und weinten und er die Ursache hörte, daß das Kind der Else schuld wäre, das sie vielleicht einmal zur Welt brächte und von der Kreuzhacke könnte todtgeschlagen werden, wenn es gerade zur Zeit, wo sie herab fiele, darunter säße Bier zu zapfen, da rief er: »was für eine kluge Else!« setzte sich hin und weinte auch mit. Der Bräutigam blieb lange oben allein, da niemand wiederkommen wollte, dachte er, sie werden unten auf dich warten, du mußt auch hingehen und sehen was sie vorhaben. Als er hinab kam, saßen da fünfe und schrien und jammerten ganz erbärmlich, einer immer besser als der andere. »Ei, was für ein Unglück ist denn geschehen?« fragte er. »Ach, lieber Hans, sprach die Else, wann wir einander heirathen und haben ein Kind und es ist groß und wir schickens vielleicht hierher Trinken zu zapfen, da kann ihm ja die Kreuzhacke die da oben ist stecken geblieben, wenn sie herabfallen sollte, den Kopf zerschlagen, daß es liegen bleibt: sollen wir da nicht weinen?« »Nun sprach Hans, mehr Verstand ist nicht nöthig, weil du so eine kluge Else bist, so will ich dich haben,« packte sie bei der Hand und nahm sie mit hinauf und hielt Hochzeit mit ihr.

Als sie der Hans eine Weil hatte, sprach er: »Frau, ich will ausgehen arbeiten und uns Geld verdienen, geh du ins Feld und schneid das Korn, daß wir Brot haben.« »Ja, mein lieber Hans, das will ich thun.« Nachdem der Hans fort war, kochte sie sich einen guten Brei, und nahm ihn mit ins Feld. Als sie vor den Acker kam, sprach sie zu sich selbst: »was thu ich? schneid ich ehr oder eß ich ehr? hei! ich will erst essen!« Nun aß sie ihren Topf mit Brei aus und als sie dick satt war, sprach sie wieder: »was thu ich? schneid ich ehr, oder schlaf ich ehr? hei! ich will erst schlafen!« Da legte sie sich ins Korn und schlief ein. Der Hans war längst zu Haus, aber die Else wollte nicht kommen, da sprach er: »was hab ich für eine kluge Else, die ist so fleißig, daß sie nicht einmal nach Haus kommt und ißt.« Als sie aber noch immer ausblieb und es Abend ward, ging der Hans hinaus und wollte sehen, was sie geschnitten hätte, aber es war nichts geschnitten, sondern sie lag im Korn und schlief. Da eilte Hans geschwind heim und holte ein Vogelgarn mit kleinen Schellen, und hängte es um sie herum, und sie schlief noch immer fort. Dann lief er heim, setzte sich auf seinen Stuhl und schloß die Hausthüre zu. Endlich erwachte die kluge Else, wie es schon ganz dunkel war und als sie aufstand, rappelte es um sie herum, bei jedem Schritt den sie that. Da erschrak sie und ward irre, ob sie auch wirklich die kluge Else wäre und sprach: »bin ichs, oder bin ichs nicht?« Sie wußte aber nicht, was sie darauf antworten sollte und stand eine Zeitlang zweifelhaft, endlich dachte sie: »ich will nach Haus gehen und fragen, ob ichs bin oder nicht, die werdens ja wissen.« Da lief sie vor ihre Hausthüre, die war verschlossen, also klopfte sie an das Fenster und rief: »Hans, ist die Else drinnen?« »Ja, antwortete der Hans, sie ist drinnen.« Da war sie erschrocken und sprach: »Ach Gott! dann bin ichs nicht!« und ging vor eine andere Thür, aber als die Leute das Klingeln der Schellen hörten, wollten sie nicht aufmachen und so gings ihr überall, da lief sie fort zum Dorf hinaus.

aus: Brüder Grimm, Kinder- und Haus-Märchen Band 1, Große Ausgabe, G. Reimer, Berlin, 1819, S. 173 ff.
Scans von wikimedia commons










Donnerstag, 9. September 2010

Der süße Brei.


Es war einmal ein armes frommes Mädchen, das lebte mit seiner Mutter allein, und sie hatten nichts mehr zu essen. Da gieng das Kind hinaus in den Wald, und begegnete ihm da eine alte Frau, die wußte seinen Jammer schon, und schenkte ihm ein Töpfchen, zu dem sollt es sagen »Töpfchen koch,« so kochte es guten süßen Hirsenbrei, und wenn es sagte »Töpfchen steh,« so hörte es wieder auf zu kochen. Das Mädchen brachte den Topf seiner Mutter heim, und nun waren sie ihrer Armuth und ihres Hungers ledig, und aßen süßen Brei so oft sie wollten. Auf eine Zeit war das Mädchen ausgegangen, da sprach die Mutter »Töpfchen koch,« da kocht es, und sie ißt sich satt; nun will sie daß das Töpfchen wieder aufhören soll, aber sie weiß das Wort nicht. Also kocht es fort, und der Brei steigt über den Rand heraus, und kocht immer zu, die Küche und das ganze Haus voll, und das zweite Haus und dann die Straße, als wollts die ganze Welt satt machen, und ist die größte Noth, und kein Mensch weiß sich da zu helfen. Endlich, wie nur noch ein einziges Haus übrig ist, da kommt das Kind heim, und spricht nur »Töpfchen steh,« da steht es, und hört auf zu kochen; und wer wieder in die Stadt wollte, der mußte sich durchessen.

Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen. Große Ausgabe, Band 2, Verlag der Dieterichschen Buchhandlung, Fünfte, stark vermehrte und verbesserte Auflage, Göttingen, 1843

Montag, 6. September 2010

Peter Christen Asbjørnsen - Der Bursch und der Teufel

Der Bursch und der Teufel
Franz von Stuck - Luzifer

Es war einmal ein Bursch, der ging auf einem Wege und knackte Nüsse; da fand er eine, die war wurmstichig, und im selben Augenblick begegnete ihm der Teufel. »Ist es wahr,« sagte der Bursch, »was man sagt, daß der Teufel sich so klein machen kann, als er will, und sich durch ein Nadelöhr zwängen?« — »Ja,« antwortete der Teufel. »Oh, laß mich das einmal sehen und kriech in diese Nuß!« sagte der Bursch wieder; und das that der Teufel. Als er durch das Loch gekrochen war, schlug der Bursch einen Pflock hinein. »Nun hab’ ich Dich!« sagte er und steckte die Nuß in die Tasche. Wie er nun ein Ende gegangen war, kam er zu einer Schmiede, da ging er hinein und bat den Schmied, er möchte ihm doch die Nuß entzwei schlagen. »Ja, das soll leicht gethan sein,« antwortete der Schmied und nahm seinen kleinsten Hammer, legte die Nuß auf den Amboß und schlug zu; aber sie wollte nicht entzwei. Da nahm er einen etwas größeren Hammer, aber der war auch noch nicht schwer genug; er nahm nun einen noch größeren, aber der that’s auch noch nicht. Da wurde der Schmied verdrießlich und nahm den großen Hammer. »Ich werde dich gleichwohl entzwei kriegen,« sagte er und schlug zu, all was er konnte. Da zerplatzte die Nuß, daß das ganze Schmiededach abflog und es krachte, als ob die Hütte umstürzen wollte. »Ich glaube, der Teufel war in der Nuß!« sagte der Schmied. »Ja, er war drin,« sagte der Bursch.

Norwegische Volksmährchen, gesammelt von P. Asbjörnsen und Jörgen Moe, deutsch von Friederich Bresemann, Verlag M. Simion in Berlin,1847, S. 213 f.

Sonntag, 5. September 2010

Elisabet Sklarek - Das verstossene Mädchen

Das verstossene Mädchen.

Albert Anke - Eine Gotthelf-Leserin

Es war einmal in einer Stadt, wo Turm auf Turm getürmt war, ein sehr, sehr reicher Mann, der wohnte dort mit seinen drei schmucken Töchtern. Dieser Mann war sehr befreundet mit einem Grafen und brachte ihm oft viele Geschenke, und alsdann kam auch er beschenkt heim.
Einstmals nun kam der Mann gerade so beladen heim vom Grafen und war sehr guter Laune. Da rief er seine drei Töchter zu sich und fragte zuerst die älteste:
»Wie liebst du mich, meine schmucke Tochter?«
Das Mädchen, das ein goldenes Kleid hatte, sagte:
»Ich liebe mein liebes Väterchen wie das reinste Gold.«
Da fragte er die mittelste, die ein köstliches, silbernes Hemd hatte:
»Und du, wie liebst du mich?«
»Ich liebe dich, mein liebes Väterchen, wie das reinste Silber.«
Schliesslich sagte er zur jüngsten und liebsten:
»Und du, meine süsse Tochter, wie liebst du mich?«
Er dachte, da er sie am meisten liebte, so würde sie ihn vielleicht auch am meisten lieben.
»Ich liebe meinen lieben Herrn Vater wie das reine, weisse Salz.«
Da gerieten des Mädchens Vater und ihre Schwestern in Zorn und drangen in sie, dass sie ihre Worte zurücknähme; denn nicht wahr, ein Pfund Salz kostet acht Kreuzer, also nur so hoch schätzte sie ihr liebes Väterchen?
Aber das Mädchen widerrief ihre Rede nicht. Da wurden sie sehr zornig auf sie und sagten ihr, wenn sie ihr Wort nicht zurücknähme, so möge sie gehen, wohin sie wolle; sie würden sie nicht weiter bei sich behalten.
Was sollte das arme Mädchen machen? Sie schnürte ihr Bündel und zog in die Welt hinaus. Drei Nächte und drei Tage war sie in einem grossen Walde umhergewandert und hatte im Freien, auf moosigen Plätzen, übernachtet, als ein alter Mann vor sie trat und zu ihr sprach:
»Meine liebe Tochter, ich weiss, was dich herführt. Deine Geschwister haben dich verstossen, weil du deine Worte nicht zurückgenommen hast. Aber folge meinem Rat und gehe diesen geschlängelten Weg entlang; der führt dich zu einer Grafenburg; dort setze dich vor den Garten, und die Wachen werden dich sehen und verhaften. Jener Graf hat einen Sohn; der gewinnt dich lieb, und du wirst seine Frau.«
Das Mädchen machte es auch so; sie ging dorthin zum Garten und brachte eine Nacht dort zu. Frühmorgens gewahrten sie die Wachen und brachten sie in das Grafenschloss. Und wie des Grafen Sohn das Mädchen nur erblickte, rührte ihre Lieblichkeit ihn also, dass er sogleich seinem Vater und seiner Mutter erklärte, sie gefalle ihm so, dass er keine andere als diese zur Gemahlin nehmen werde. Aber die wollten nicht, dass er eine schamlose Herumtreiberin heirate, da er doch eine viel Feinere haben konnte.
Doch der Grafensohn achtete nicht auf ihre Reden und liebte das Mädchen nur noch mehr.
Der Graf und die Gräfin sahen nun ein, dass ihr Reden müssig war. Da fragten sie das Mädchen, warum es so umherstreiche. Das Mädchen erzählte, dass sei, weil sie gesagt hatte, sie liebe ihr liebes Väterchen wie das schöne, weisse Salz; darum sei sie verstossen worden, und ihr Herz sei jetzt übervoll von Leid.
Da war grosse Freude, als sie erfuhren, dass sie die Tochter des Mannes sei, der bei ihnen verkehrte. Sie bereiteten nun die Hochzeit und versammelten viel Volk; auch den Vater des Mädchens beehrten sie mit einer Einladung. Aber er bekam seine Tochter nicht zu Gesicht. Und als die Speisen aufgetragen wurden, bekam jeder beim Grafen einen besonderen Teller; das Väterchen des Mädchens wurde auch mit einem Teller beehrt, aber sie hatten an sein Essen wenig Salz gethan. Der reiche Mann suchte überall umher, doch nirgends fand er Salz. Da kam ihm der Gedanke, dass er ohne Salz nicht einen Tag leben könnte. Die Thränen traten dem reichen Mann ins Auge, und Schmerz ergriff sein Herz. Die Küchenmeister fragten ihn, warum er die Speisen nicht esse, ob sie vielleicht nicht gut seien. Da erzählte er, wie es ihm mit seiner Tochter ergangen sei, und dass er sie aus dem Hause gewiesen, und jetzt deswegen weine und klage. Er traure um seine Tochter; er wisse nichts von ihr, vielleicht sei die Arme schon tot.
Da liess der Graf den Jüngling und das Mädchen rufen.
»Kennst du sie, mein Freund?« sagte der Graf.
»Wie sollte ich sie nicht kennen?« sagte der reiche Mann; »dies ist meine süsse Tochter«.
Und dann umarmten sie sich und freuten sich, dass sie sich wieder gefunden hatten, und von da an lebten sie glücklich mit einander.

Elisabet Sklarek, Ungarische Volksmärchen, Dieterich'sche Verlagsbuchhandlung, Theodor Weicher, Leipzig, 1901, Nr. 34, S. 248 ff.

Freitag, 3. September 2010

Brüder Grimm - Das Goldei (Fragment)

Das Goldei.


Es waren einmal ein paar arme Besenbindersjungen, die hatten noch ein Schwesterchen zu ernähren, da ging es ihnen allen knapp und kümmerlich. Sie mußten alle Tage in den Wald und sich Reisig holen, und wenn die Besen gebunden waren, verkaufte sie das Schwesterchen. Einsmals gingen sie in den Wald, und der jüngste stieg auf einen Birkenbaum, und wollte die Aeste herabhauen, da fand er ein Nest, und darin saß ein dunkelfarbiges Vögelchen, dem schimmerte etwas durch die Flügel, und weil das Vögelchen gar nicht wegflog, und auch nicht scheu that, hob er den Flügel auf und fand ein goldenes Ei, das nahm er und stieg da mit herab. Sie freuten sich über ihren Fund, und gingen damit zum Goldschmid, der sagte, es sey feines Gold und gab ihnen viel Geld dafür. Am andern Morgen gingen sie wieder in den Wald, und fanden auch wieder ein Goldei, und das Vöglein ließ es sich geduldig nehmen, wie das vorigemal. Das währte eine Zeitlang, alle Morgen holten sie das Goldei und waren bald reich: eines Morgens aber sagte der Vogel: »nun werde ich keine Eier mehr legen, aber bringt mich zu dem Goldschmidt, das wird euer Glück seyn.« Die Besenbindersjungen thaten, wie es sprach und brachten es dem Goldschmidt getragen, und als es allein mit diesem war, sang es:


»Wer ißt mein Herzlein,
wird bald König seyn;
wer ißt mein Leberlein,
findet alle Morgen unterm Kissen ein Goldbeutlein!


Wie der Goldschmidt das hörte, rief er die beiden Jungen und sagte: »laßt mir den Vogel, und ich will euer Schwesterlein heirathen.« Die zwei sagten ja, und da ward nun Hochzeit gehalten. Der Goldschmidt aber sprach: »ich will zu meiner Hochzeit den Vogel essen, ihr zwei, bratet ihn am Spieße, und habt Acht, daß er nicht verdirbt, und bringt ihn herauf, wenn er gaar ist;« er dachte aber, dann wolle er Herz und Leber herausnehmen und essen. Die beiden Brüder standen am Spieß und drehten ihn herum, wie sie ihn so herumdrehen, und der Vogel bald gebraten ist, fällt ein Stückchen heraus. »Ei, sagt der eine, das muß ich probiren!« und aß das auf. Bald darnach fiel noch ein Stückchen heraus: »das ist für mich,« sagte der andere, und läßt sich das schmecken. Das war aber das Herzlein und Leberlein, was sie gegessen hatten, und sie wußten nicht, was für Glück ihnen damit beschert war.
Darnach war der Vogel gebraten, und sie trugen ihn zu der Hochzeitstafel; der Goldschmidt schnitt ihn auf, und wollte geschwind Herz und Leber essen, aber da war beides fort. Da ward er giftig bös und schrie: »wer hat Herz und Leber von dem Vogel gegessen?« »Das werden wir gethan haben, sagten sie, es sind ein paar Stückchen herausgefallen beim Umwenden, die haben wir genommen.« – »Habt ihr Herz und Leber gegessen, so mögt ihr auch eure Schwester behalten!« und jagte sie in seinem Zorn alle fort. –


(Fragment.)

Brüder Grimm, Das Goldei, Kinder- und Hausmärchen, Große Ausgabe, Realschulbuchhandlung, Berlin, 1819, S. 278 ff.

Digitalisat (pdf) (Bilder von Wikimedia Commons)

Donnerstag, 2. September 2010

Brüder Grimm - Von der Frau Füchsin


Von der Frau Füchsin.

Franz Marc - Blue Black Fox

I.

Es war einmal ein alter Fuchs mit neun Schwänzen, der wollte sehen, ob ihm seine Frau treu wäre, streckte sich unter die Bank und stellte sich mausetodt. Da ging die Frau Füchsin hinauf in ihre Kammer, schloß sich ein und ihre Magd die Katze saß auf dem Heerd und kochte. Als es nun bekannt wurde, daß der alte Fuchs gestorben war, klopfte es an die Hausthür:
»was macht sie Jungfer Katze?
schläft se oder wacht se?«

Da ging die Katze und machte auf: ein junger Fuchs stand haußen:
ich schlafe nicht, ich wache,
ich koche warm Bier und Butterlein,
will der Herr mein Gast seyn?

»Nein ich bedanke mich, was macht die Frau Füchsin?«
sie sitzt auf ihrer Kammer,
beklagt ihren Jammer,
weint ihre Aeuglein seidenroth
weil der alte Herr Fuchs ist todt.

»Sag sie, es wär ein junger Fuchs da, der wollte sie gern freien!«
Da ging die Katz die Tripp die Trapp,
da schlug die Thür, die Klipp die Klapp:
Frau Füchsin sind sie da? –
»ach ja mein Kätzchen ja!« –
es ist ein Freier draus.

Da sprach die Frau Füchsin:
»mein Kind, wie sieht er aus?

hat er denn auch neun so schöne Zeiselschwänze, wie der selige Herr Fuchs?« – ach nein, er hat nur einen Schwanz. – »Da will ich ihn nicht haben.«

Die Katz geht hinunter und schickt den Freier fort; bald darauf klopft es wieder an, und es ist ein anderer Fuchs, der hat zwei Schwänze, und es geht nun eben so, wie mit dem ersten. Darauf kommen andere, immer mit einem Schwanz mehr, bis zuletzt ein Freier mit neun Schwänzen da ist. Nunmehr spricht die Füchsin zur Katze:
»nun macht mir Thor und Thür auf
und kehrt den alten Herrn Fuchs hinaus!«

wie sie aber eben Hochzeit halten wollen, kommt der alte Fuchs wieder, prügelt das ganze Gesindel zum Haus hinaus und jagt die Frau Füchsin fort.

II.

Der alte Fuchs ist gestorben, ein Freier ein Wolf kommt vor die Thür und klopft an:
guten Tag, Frau Katz von Kehrewitz,
wie kommts, daß sie alleine sitzt?
was macht sie gutes da?

Katze:
»Brock mir Weck und Milch ein,
will der Herr mein Gast seyn?«

Wolf:
danke schön; Frau Füchsin nicht zu Haus?

Katze:
»sie sitzt droben in der Kammer
beweinet ihren Jammer,
beweinet ihre große Noth,
daß der alte Herr Fuchs ist todt.«

Wolf:
Will sie einen andern Mann han,
so soll sie heruntergan. –

Die Katz die lief die Trepp hinan,
und ließ ihr Zeilchen rummergan,
bis sie kam vor den langen Saal,
klopft an mit ihren fünf goldenen Ringen:

»Frau Füchsin ist sie drinnen?
will sie einen andern Mann han,
so soll sie nur heruntergan.«

Fr. Füchsin: hat der Herr rothe Höslein an und ein spitz Mäulchen?

Katze: »nein«

Fr. Füchsin: so kann er mir nicht dienen.

Nun wird der Wolf abgewiesen, darauf kommt ein Hund, dem geht es eben so, ein Hirsch, ein Hase, ein Bär, ein Löwe und alle Waldthiere. Aber denen fehlt immer etwas, was der alte Fuchs hatte, und die Katze muß sie alle wegschicken. Endlich kommt ein junger Fuchs:

Fr. Füchsin: hat der Herr rothe Höslein an und ein spitz Mäulchen?

Katze: »ja.«

Fr. Füchsin: so soll er heraufkommen.
Katz kehr die Stube aus
und schmeiß den alten Fuchs zum Fenster naus!
bracht so manche dicke fette Maus ins Haus,
fraß sie immer alleine,
gab mir aber keine.
Nun wird Hochzeit gehalten und getanzt, und wenn sie nicht aufgehört haben zu tanzen, so tanzen sie noch.

Brüder Grimm, Von der Frau Füchsin, Kinder- und Hausmärchen, Große Ausgabe, Realschulbuchhandlung, Berlin, 1819, S. 176 ff.

Mittwoch, 1. September 2010

Brüder Grimm -Die drei Schlangenblätter.

Die drei Schlangenblätter.

Es war einmal ein armer Mann, der hatte einen einzigen Sohn, er konnte ihn aber nicht mehr ernähren. Da sprach der Sohn: »lieber Vater, es geht euch so kümmerlich, ihr könnt mir das Brot nicht mehr geben, ich will fort und sehen, wie ich mir durch die Welt helfe.« Da gab ihm der Vater seinen Segen und nahm mit großer Trauer Abschied, der Sohn aber ward Soldat und zog mit ins Feld. Als er vor den Feind kam, da gings scharf her und regnete blaue Bohnen, daß seine Kammeraden von allen Seiten niederstürzten. Endlich fiel auch ihr Anführer, da wollten die übrigen fliehen, aber der Jüngling trat heraus, sprach ihnen Muth ein und rief: »unser Vaterland wollen wir nicht lassen!« Da folgten sie ihm und er drang ein und schlug den Feind. Wie die Nachricht zum König kam, daß dieser allein die Schlacht gewonnen hätte, erhob er ihn, machte ihn zu einem mächtigen und angesehenen Manne und gab ihm große Schätze.
Dieser König hatte eine schöne aber wunderliche Tochter, die einen seltsamen Schwur gethan. Wer nämlich ihr Herr und Gemahl werden wolle, müsse versprechen, sie nicht zu überleben, also daß wenn sie zuerst stürbe, er sich lebendig mit ihr müße begraben lassen; dagegen wollte sie ein gleiches thun, wenn er zuerst stürbe. Dieser Schwur aber hatte alle Freier abgeschreckt, weil ein jeder sich fürchtete, lebendig ins Grab gehen zu müssen. Nun sah der Jüngling, als einer der ersten an des Königs Hof, die schöne Tochter und ward von ihrer Schönheit ganz eingenommen, daß er endlich bei dem alten König um sie anhielt. Da antwortete der König: »wer meine Tochter heirathet, muß sich nicht fürchten lebendig in das Grab zu gehen;« und erzählte ihm, was sie für einen Schwur gethan. Aber seine Liebe war so groß, daß er das Versprechen that und an die Gefahr nicht dachte, und da ward ihre Hochzeit mit großer Freude gefeiert.
Nun lebten sie eine Zeit lang glücklich und vergnügt mit einander, da geschah es, daß die junge Königin krank ward und kein Arzt ihr helfen konnte, also daß sie starb. Und als sie todt da lag, fiel ihm mit Schrecken ein, was er versprochen hatte, daß er sich lebendig mit ihr wolle begraben lassen und der alte König ließ alle Thore mit Wachen besetzen, damit er nicht entfliehen sollte und sprach, nun müßte er halten was er gelobt hätte. Als der Tag kam, wo die Leiche in das königliche Gewölbe beigesetzt wurde, da ward er mit hinab geführt und dann das Thor verriegelt und verschlossen. Neben dem Sarg stand ein Tisch, darauf ein Licht, vier Laibe Brot und vier Flaschen Wein, wenn das zu Ende ging, mußte er verschmachten.
Nun saß er da bei dem Sarg voll Schmerz und Trauer und aß jeden Tag nur ein Bißlein Brot, trank nur einen Schluck Wein, und sah doch, wie der Tod immer näher rückte. Da geschah es, daß er einmal aus der Ecke des Gewölbes eine Schlange hervorkriechen sah, die sich der Leiche näherte. Und weil er dachte, sie käme um die Leiche zu verletzen, zog er sein Schwert und sprach: »so lang ich lebe, sollst du sie nicht anrühren« und hieb die Schlange in drei Stücke. Ueber eine Weile sah er, wie eine zweite Schlange aus der Ecke herauskroch, doch als sie die andere da todt und zerstückt liegen fand, kroch sie eilig zurück, kam aber bald wieder und hatte drei Blätter im Munde. Dann nahm sie die drei Stücke von der Schlange, legte sie zusammen wie sichs gehörte, und that auf jede Wunde eins von den Blättern. Alsbald fügte sich das Getrennte aneinander und die Schlange regte sich, war lebendig und beide eilten fort; die Blätter aber blieben auf der Erde liegen. Der Mann hatte alles mit angesehen und dachte: »welche wunderbare Kraft muß in den Blättern stecken! haben sie die Schlange wieder lebendig gemacht, so helfen sie vielleicht auch einem Menschen.« Da hob er sie auf und legte eins davon auf den Mund der Todten und auf jedes Auge eins. Alsbald bewegte sich das Blut in ihrem Leib und stieg in das bleiche Angesicht, daß es sich wieder röthete. Da zog sie Athem, schlug die Augen auf und öffnete den Mund und sprach: »Ach Gott! wo bin ich?« »Du bist bei mir, liebe Frau,« antwortete er, und gab ihr etwas Wein und Brot um sie zu stärken, und erzählte ihr dann alles, wie es gekommen, und er sie wieder ins Leben erweckt. Da stand sie fröhlich auf und sie klopften an der Thüre; so laut, daß es die Wachen hörten und dem Könige meldeten. Der König kam selbst und öffnete die Thüre; da standen beide frisch und gesund und er führte sie hinauf und freute sich mit ihnen, daß nun alle Noth überstanden war. Die drei Schlangenblätter aber, die der junge König mitgenommen, gab er einem treuen Diener und sprach: »verwahr sie sorgfältig und trag sie zu jeder Zeit bei dir, wer weiß, wie sie uns noch helfen können.«
Es war aber, als ob der Frau, seit sie ihr Mann wieder ins Leben erweckt, das Herz sich ganz verändert und umgekehrt hätte. Und als nach einiger Zeit eine Fahrt nach seinem alten Vater geschehen sollte und sie aufs Meer kamen, vergaß sie gänzlich seine große Liebe und Treue, und es erwuchs in ihr eine böse Neigung zu dem Schiffer. Und als der junge König einmal da lag und schlief, ging ihre Bosheit so weit, daß sie zu dem Schiffer sprach: »komm und hilf mir, wir wollen ihn ins Wasser werfen und zurück fahren dann will ich sagen, er wär gestorben und du wärst würdig, mein Mann zu werden und die Krone meines Vaters zu erben.« Da faßte sie ihm am Kopf und der Fischer an den Füßen und warfen ihn über Bord, daß er im Meer ertrinken mußte. Nun wäre der Frau ihr Anschlag gelungen, wenn nicht der treue Diener alles mit angesehen hätte, der machte heimlich ein kleines Schifflein von dem großen los und fuhr der Leiche nach, und fischte sie wieder auf. Darauf nahm er die drei Schlangenblätter und legte sie ihm auf Augen und Mund, davon ward er alsbald wieder lebendig.
Nun sprach er zu dem Diener: »wir wollen rudern Tag und Nacht, damit wir früher bei dem alten König anlangen.« Der König aber, als er sie wieder sah, verwunderte sich und sprach: »was ist euch begegnet?« Da erzählte ihm der junge König alles und der alte sprach: »ich kanns nicht glauben, daß meine Tochter so schlecht soll gehandelt haben,« und hieß sie beide in eine verborgene Kammer gehen, da sollten sie sich vor jedermann heimlich halten. Bald darauf landete die Frau mit dem großen Schiff und kam vor ihren Vater mit ganz betrübtem Gesicht. Sprach er: »meine Tochter, warum kommst du allein, wo ist dein Mann?« »Ach, antwortete sie, wie in großer Trauer, er ist plötzlich auf dem Meer krank geworden und gestorben; dieser gute Schiffer hat mir beigestanden und weiß, wie alles zugegangen ist.« Da öffnete der König die Kammer und hieß die beiden herausgehen und als sie ihren Mann erblickte, war sie wie vom Donner berührt und sank auf die Knie und rief um Gnade. Der König aber sprach: »da ist keine Gnade, er hat für dich sterben wollen und du hast ihn im Schlaf umgebracht, du sollst deinen verdienten Lohn haben. Da ward sie mit dem Schiffer in ein löcheriges Schiff gesetzt und ins Meer hinausgetrieben.

Brüder Grimm, Die drei Schlangenblätter, Kinder- und Hausmärchen, Große Ausgabe, Bd. 1, G. Reimer, 2. Auflage Berlin, 1819, S. 80 ff.

Brüder Grimm – Die Wassernix.


Die Wassernix.

Johann William Waterhouse - Mermaid

Ein Brüderchen und ein Schwesterchen spielten an einem Brunnen, und wie sie so spielten, plumpten sie beide hinein. Da war unten eine Wassernix, die sprach »jetzt hab ich euch, jetzt sollt ihr mir brav arbeiten,« und führte sie mit sich fort. Dem Mädchen gab sie verwirrten garstigen Flachs zu spinnen, und Wasser mußte es in ein hohles Faß schleppen, der Jung aber sollte einen Baum mit einer stumpfen Axt hauen; und nichts zu essen bekamen sie, als steinharte Klöße. Da wurden zuletzt die Kinder so ungeduldig, daß sie warteten, bis eines Sonntags die Nixe in der Kirche war, da entflohen sie. Und als die Kirche vorbei war, sah die Nix daß die Vögel ausgeflogen waren, und setzte ihnen mit großen Sprüngen nach. Die Kinder erblickten sie aber von weitem, und das Mädchen warf eine Bürste hinter sich, das gab einen großen Bürstenberg, mit tausend und tausend Stacheln, über den die Nix mit großer Müh klettern mußte, endlich aber kam sie doch hinüber. Wie das die Kinder sahen, warf der Knabe einen Kamm hinter sich, das gab einen großen Kammberg, mit tausend mal tausend Zinken, aber die Nix wußte sich daran festzuhalten, und kam zuletzt doch drüber. Da warf das Mädchen einen Spiegel hinterwärts, welches einen Spiegelberg gab, der war so glatt, so glatt, daß sie unmöglich drüber konnte. Da dachte sie »ich will geschwind nach Haus gehen und meine Axt holen, und den Spiegelberg entzwei hauen.« Bis sie aber wieder kam, und das Glas aufgehauen hatte, waren die Kinder längst weit entflohen, und die Wassernix mußte sich wieder in ihren Brunnen trollen.

Brüder Grimm, Die Wassernix, Kinder- und Hausmärchen, Große Ausgabe, Bd. 1, Dieterichische Buchhandlung, Göttingen, 3. Auflage 1837, S. 472 f.



Digitalisat (pdf)

Brüder Grimm – Der Fuchs und die Katze.


Der Fuchs und die Katze.

Lovis Corinth - Katze auf Baumstrunk

Es trug sich zu, daß die Katze in einem Walde dem Herrn Fuchs begegnete, und weil sie dachte »er ist gescheidt und wohl erfahren, und gilt viel in der Welt,« so sprach sie ihm freundlich zu. »Guten Tag, lieber Herr Fuchs, wie gehts? wie stehts? wie schlagt ihr euch durch in dieser theuren Zeit? »Der Fuchs, alles Hochmuthes voll, sah sie an von Kopf bis zu Füßen, und wußte lange nicht ob er ihr eine Antwort geben sollte. Endlich sprach er »o du armseliger Wicht, du buntscheckiger Narr, du Hungerleider und Mäusejäger, was kommt dir in den Sinn? du untere stehst dich zu fragen wie mirs gehe? was weißt du? wie viel Künste verstehst du? »Ich verstehe nur eine einzige« antwortete bescheidentlich die Katze. »Was ist das für eine Kunst? fragte der Fuchs. »Wenn die Hunde hinter mir her sind, so kann ich auf einen Baum springen, und mich retten,« »Ist das alles?« sagte der Fuchs, »ich bin Herr über hundert Künste, und habe überdies noch einen ganzen Sack voll Liste. Du jammerst mich, komm mit mir, ich will dich lehren wie man den Hunden entgeht.« Indem kam ein Jäger mit vier Hunden daher. Die Katze sprang behend auf einen Baum, und setzte sich in den Gipfel, wo Aeste und Laubwerk sie völlig verbargen. »Bindet den Sack auf, Herr Fuchs, bindet den Sack auf,« rief ihm die Katze zu,« aber die Hunde hatten ihn schon gepackt, und hielten ihn fest. »Ei, Herr Fuchs,« rief die Katze, »ihr bleibt mit euern hundert Künsten stecken. Hättet ihr heraufkriechen können, wie ich, so wärs nicht um euer Leben geschehen.«

Brüder Grimm, Der Fuchs und die Katze, Kinder- und Hausmärchen, Große Ausgabe, Bd. 1, Dieterichische Buchhandlung, Göttingen, 3. Auflage 1837, S. 457 f.

Brüder Grimm – Die drei Sprachen


Die drei Sprachen



In der Schweiz lebte einmal ein alter Graf, der hatte nur einen einzigen Sohn, aber er war dumm, und konnte nichts lernen. Da sprach der Vater ›hör, mein Sohn, ich bringe nichts in deinen Kopf, ich mag es anfangen wie ich will. Jetzt sollst du fort, und ein berühmter Meister es mit dir versuchen‹. Der Junge ward in eine fremde Stadt geschickt, und blieb bei dem Meister ein ganzes Jahr. Nach Verlauf dieser Zeit kam er wieder heim, und der Vater fragte ›nun mein Sohn, was hast du gelernt?‹ ›Vater, ich habe gelernt was die Hunde bellen‹ antwortete er. ›Daß Gott erbarm,‹ rief der Vater aus, ›ist das alles was du gelernt hast? ich will dich in eine andere Stadt zu einem andern Meister thun.‹ Der Junge ward hingebracht, und blieb bei diesem Meister auch ein Jahr, und als er zurückkam fragte der Vater wiederum ›mein Sohn, was hast du gelernt?‹ Er antwortete ›Vater, ich habe gelernt was die Vögli sprechen.‹ Da gerieth der Vater in Zorn, und sprach ›o du verlorner Mensch, hast die kostbare Zeit hingebracht, und nichts gelernt, und schämst dich nicht mir unter die Augen zu treten? ich will dich zu einem dritten Meister schicken, aber lernst du auch diesmal nichts, so will ich dein Vater nicht mehr seyn.‹ Der Sohn blieb bei dem dritten Meister ebenfalls ein ganzes Jahr, und als er wieder nach Haus kam und der Vater fragte ›mein Sohn, was hast du gelernt?‹ so antwortete er ›lieber Vater, ich habe dieses Jahr gelernt was die Frösche quacken.‹ Da gerieth der Vater in den höchsten Zorn, sprang auf, und rief seine Leute, und sprach ›dieser Mensch ist mein Sohn nicht mehr, ich stoße ihn aus, und gebiete euch daß ihr ihn hinaus in den Wald führt, und ihm das Leben nehmt‹. Sie nahmen ihn, und führten ihn hinaus, aber als sie ihn tödten sollten, konnten sie nicht vor Mitleiden, und ließen ihn gehen. Sie schnitten einem Reh Augen und Zunge aus, damit sie dem Alten die Wahrzeichen bringen konnten.
Der Jüngling wanderte fort, und kam nach einiger Zeit zu einer Burg, wo er um Nachtherberge bat. ›Ja,‹ sagte der Burgherr, ›wenn du da unten in dem alten Thurm übernachten willst, so gehe hin, aber ich warne dich, es ist lebensgefährlich, denn er ist voll wilder Hunde, die bellen und heulen in einem fort, und zu gewissen Stunden müssen sie einen Menschen ausgeliefert haben, den sie auch gleich verzehren.‹ Die ganze Gegend war darüber in Trauer und Leid, und konnte doch niemand helfen. Der Jüngling aber, der sich nicht fürchtete, sprach ›laßt mich nur hinab zu den bellenden Hunden, und gebt mir etwas das ich ihnen vorwerfen kann; mir sollen sie nichts thun.‹ Weil er nun selber nicht anders wollte, so gaben sie ihm etwas Essen für die wilden Thiere, und brachten ihn hinab zu dem Thurm. Als er hinein trat, bellten ihn die Hunde nicht an, wedelten mit den Schwänzen ganz freundlich um ihn herum, fraßen was er ihnen hinsetzte, und krümmten ihm kein Härchen. Am andern Morgen kam er zu jedermanns Erstaunen gesund und unversehrt heraus, und sagte zu dem Burgherrn ›die Hunde haben mir in ihrer Sprache offenbart warum sie da hausen und dem Lande Schaden bringen. Sie sind verwünscht einen großen Schatz so lange im Thurme zu hüten bis der Schatz gehoben ist, dann kommen sie zur Ruhe. Auf was Art und Weise dies geschehen muß, habe ich ebenfalls aus ihren Reden vernommen.‹ Da freuten sich alle die das hörten, und der Burgherr versprach ihm seine Tochter, wenn er den Schatz heben könnte. Er vollführte es glücklich, die wilden Hunde verschwanden, und das Land war von der Plage befreit. Da ward ihm die schöne Jungfrau angetraut, und sie lebten vergnügt zusammen.
Ueber eine Zeit setzte er sich mit ihr in einen Wagen, und wollte nach Rom fahren. Auf dem Weg kamen sie an einem Sumpf vorbei, in welchem Frösche saßen und quackten. Der junge Graf horchte, und als er vernahm was sie sprachen, ward er ganz nachdenklich und traurig, sagte aber seiner Frau die Ursache nicht. Endlich langten sie in Rom an, da war gerade der Pabst gestorben, und unter den Kardinälen großer Zweifel wen sie zum Nachfolger bestimmen sollten. Sie wurden zuletzt einig derjenige sollte zum Pabst erwählt werden, an dem sich ein göttliches Wunderzeichen offenbaren würde. Und als das eben beschlossen war, in demselben Augenblick trat der junge Graf in die Kirche, und plötzlich flogen zwei schneeweiße Tauben auf seine beiden Schultern, und blieben da sitzen. Die Geistlichkeit erkannte darin das Zeichen Gottes, und fragte ihn auf der Stelle, ob er ihr Pabst werden wolle. Er war unschlüßig und wußte nicht ob er dessen würdig sey, aber die Tauben redeten ihm zu daß er es thun möchte, und er antwortete ›ja.‹ Da wurde er gesalbt und geweiht, und damit war eingetroffen, was ihm die Frösche unterwegs gesagt hatten, und was ihn so bestürzt gemacht, daß er der heilige Pabst werden sollte. Darauf mußte er eine Messe singen, und wußte kein Wort davon, aber die zwei Tauben saßen stets auf seinen Schultern, und sagten ihm alles ins Ohr.

Brüder Grimm, Die drei Sprachen, Kinder- und Hausmärchen, Große Ausgabe, Bd. 1, Dieterichische Buchhandlung, Göttingen, 3. Auflage 1837, S. 202ff. 


Brüder Grimm – Das Mädchen ohne Hände

Das Mädchen ohne Hände.

 Robert Henri

Ein Müller war nach und nach in Armuth geraten, und hatte nichts mehr als seine Mühle und einen großen Apfelbaum dahinter. Einmal war er in den Wald gegangen Holz zu holen, da trat ein alter Mann zu ihm, den er noch niemals gesehen hatte, und sprach »was quälst du dich mit Holzhacken, ich will dich reich machen, wenn du mir versprichst was hinter deiner Mühle steht.« »Was kann das anders seyn als mein Apfelbaum?« dachte der Müller, sagte ja, und verschrieb es dem fremden Manne. Der aber lachte höhnisch, und gieng fort. Als der Müller nach Haus kam, trat ihm seine Frau entgegen, und sprach »ei, Müller, woher kommt der plötzliche Reichthum in unser Haus? auf einmal sind alle Kisten und Kasten voll, kein Mensch hats hereingebracht, und ich weiß nicht wie es zugegangen ist.« Er antwortete, »das kommt von einem fremden Manne, der mir im Walde begegnet ist, und mir große Schätze verheißen hat: ich habe ihm dagegen verschrieben was hinter der Mühle steht; den großen Apfelbaum können wir wohl dafür geben.« »Ach, Mann,« sagte die Frau erschrocken, »das ist der Teufel gewesen: den Apfelbaum hat er nicht gemeint, sondern unsere Tochter, die stand hinter der Mühle und kehrte den Hof.«
Die Müllerstochter war ein schönes und frommes Mädchen, und lebte die drei Jahre in Gottesfurcht und ohne Sünde. Als nun die Zeit herum war, und der Tag kam, wo sie der Böse holen wollte, da wusch sie sich rein und machte mit Kreide einen Kranz um sich. Der Teufel erschien ganz frühe, aber er konnte sich ihr nicht nähern. Zornig sprach er zum Müller »thu ihr alles Wasser weg, damit sie sich nicht mehr waschen kann! denn sonst habe ich keine Gewalt über sie.« Der Müller fürchtete sich, und that es. Am andern Morgen kam der Teufel wieder, aber sie hatte auf ihre Hände geweint, und sie waren ganz rein. Da konnte er ihr wiederum nicht nahen, und sprach wüthend zu dem Müller »hau ihr die Hände ab, sonst kann ich ihr nichts anhaben.« Der Müller entsetzte sich, und antwortete »wie könnte ich meinem eigenen Kinde die Hände abhauen!« Da drohte ihm der Böse und sprach »wo du es nicht thust, so bist du mein, und ich hole dich selber.« Dem Vater ward Angst und er versprach ihm zu gehorchen. Da gieng er zu dem Mädchen und sagte »mein Kind; wenn ich dir nicht beide Hände abhaue, so führt mich der Teufel fort, und in der Angst habe ich es ihm versprochen. Hilf mir doch in meiner Noth, und verzeihe mir was ich böses an dir thue.« Sie antwortete, »lieber Vater, macht mit mir was ihr wollt, ich bin Euer Kind.« Darauf legte sie beide Hände hin und ließ sie sich abhauen. Der Teufel kam zum drittenmal, aber sie hatte so lange und so viel auf die Stümpfe geweint daß sie doch ganz rein war. Da mußte er weichen, und hatte alles Recht auf sie verloren.
Der Müller sprach zu ihr »ich habe so großes Gut durch dich gewonnen, ich will dich zeitlebens aufs köstlichste halten.« Sie antwortete aber »hier kann ich nicht bleiben; ich will fortgehn; mitleidige Menschen werden mir schon so viel geben als ich brauche.« Darauf ließ sie sich die verstümmelten Arme auf den Rücken binden, und mit Sonnenaufgang machte sie sich auf den Weg, und gieng den ganzen Tag bis es Nacht ward. Da kam sie zu einem königlichen Garten, und beim Mondschimmer sah sie daß Bäume voll schöner Früchte darin standen; aber sie konnte nicht hinein, denn es war ein Wasser darum. Und weil sie den ganzen Tag gegangen war und keinen Bißen genossen hatte und der Hunger sie quälte, so dachte sie »ach, wäre ich darin, damit ich etwas von den Früchten äße, sonst muß ich verschmachten.« Da kniete sie nieder, rief Gott den Herrn an, und betete. Auf einmal kam ein Engel daher, der machte eine Schleuße in dem Wasser zu, so daß der Graben trocken ward und sie hindurch gehen konnte. Nun gieng sie in den Garten, und der Engel gieng mit ihr. Sie sah einen Baum mit Obst, das waren schöne Birnen, aber sie waren alle gezählt. Da trat sie hinzu, und aß eine mit dem Munde vom Baume ab, ihren Hunger zu stillen, aber nicht mehr. Der Gärtner sah es mit an, weil aber der Engel dabei stand, fürchtete er sich, und meinte das Mädchen wäre ein Geist, schwieg still und getraute nicht zu rufen oder den Geist anzureden. Als sie die eine Birne gegessen hatte, war sie gesättigt, und gieng und versteckte sich in das Gebüsch. Der König, dem der Garten gehörte, kam am andern Morgen herab, da zählte er, und sah, daß eine der Birnen fehlte, und fragte den Gärtner, wo sie hingekommen wäre: sie liege nicht unter dem Baume und sey doch weg. Da antwortete der Gärtner »vorige Nacht kam ein Geist herein, der hatte keine Hände, und aß eine mit dem Munde ab.« Der König sprach »wie ist der Geist über das Wasser herein gekommen? und wo ist er hingegangen, nachdem er die Birne gegessen hatte?« Der Gärtner antwortete »es kam jemand in schneeweißem Kleide vom Himmel, der hat die Schleuße zugemacht, und das Wasser gehemmt, damit der Geist durch den Graben gehen konnte. Und weil es ein Engel muß gewesen seyn, so habe ich mich gefürchtet, nicht gefragt und nicht gerufen. Als der Geist die Birne gegessen hatte, ist er wieder zurückgegangen.« Der König sprach »verhält es sich wie du sagst, so will ich diese Nacht bei dir wachen.«
Als es dunkel ward, kam der König in den Garten, und brachte einen Priester mit, der sollte den Geist anreden. Alle drei setzten sich unter den Baum, und gaben acht. Um Mitternacht kam das Mädchen aus dem Gebüsch gekrochen, trat zu dem Baum, und aß wieder mit dem Munde eine Birne ab; neben ihr aber stand der Engel im weißen Kleide. Da gieng der Priester hervor und sprach »bist du von Gott gekommen oder von der Welt? bist du ein Geist oder ein Mensch?« Sie antwortete »ich bin kein Geist, sondern ein armer Mensch, von allen verlassen nur von Gott nicht.« Der König sprach »wenn du von aller Welt verlassen bist, so will ich dich nicht verlassen.« Er nahm sie mit sich in sein königliches Schloß, und weil sie so schön und fromm war, liebte er sie von Herzen, ließ ihr silberne Hände machen, und nahm sie zu seiner Gemahlin.
Nach einem Jahre mußte der König über Feld ziehen, da befahl er die junge Königin seiner Mutter, und sprach »wenn sie ins Kindbett kommt, so haltet und verpflegt sie wohl, und schreibt mirs gleich in einem Briefe.« Nun gebar sie einen schönen Sohn. Da schrieb es die alte Mutter eilig, und meldete ihm die frohe Nachricht. Der Bote aber ruhte unterwegs an einem Bache, und da er von dem langen Wege ermüdet war, schlief er ein. Da kam der Teufel, welcher der frommen Königin immer zu schaden trachtete, und vertauschte den Brief mit einem andern, darin stand daß die Königin einen Wechselbalg zur Welt gebracht hätte. Als der König den Brief las, erschrak er und betrübte sich sehr, doch schrieb er zur Antwort, sie sollten die Königin wohl halten und pflegen bis zu seiner Ankunft. Der Bote gieng mit dem Brief zurück, ruhte an der nämlichen Stelle, und schlief wieder ein. Da kam der Teufel abermals, und legte ihm einen andern Brief in die Tasche, darin stand sie sollten die Königin mit ihrem Kinde tödten. Die alte Mutter erschrak heftig als sie den Brief erhielt, konnte es nicht glauben, und schrieb dem Könige noch einmal, aber sie bekam keine andere Antwort, da der Teufel dem Boten jedesmal einen falschen Brief unterschob, und in dem letzten Briefe stand noch sie sollten zum Wahrzeichen Zunge und Augen der Königin aufheben.
Aber die alte Mutter weinte daß so unschuldiges Blut sollte vergossen werden, ließ in der Nacht eine Hirschkuh holen, schnitt ihr Zunge und Augen aus, und hob sie auf. Dann sprach sie zu der Königin »ich kann dich nicht tödten lassen, wie der König befiehlt, aber länger darfst du nicht hier bleiben: geh mit deinem Kinde in die weite Welt hinein, und komm nie wieder zurück.« Sie band ihr das Kind auf den Rücken, und die arme Frau gieng mit weiniglichen Augen fort. Sie kam in einen großen wilden Wald, da setzte sie sich auf ihre Knie, und betete zu Gott, und der Engel des Herrn erschien ihr, und führte sie zu einem kleinen Haus, daran war ein Schildchen mit den Worten »hier wohnt ein jeder frei.« Aus dem Häuschen kam eine schneeweiße Jungfrau, die sprach »willkommen, Frau Königin,« und führte sie hinein. Da band sie ihr den kleinen Knaben von dem Rücken, und hielt ihn an ihre Brust, damit er trank, und legte ihn dann auf ein schönes gemachtes Bettchen. Da sprach die arme Frau »woher weißt du daß ich eine Königin war?« Die weiße Jungfrau antwortete »ich bin ein Engel, von Gott gesandt, dich und dein Kind zu verpflegen.« Da blieb sie in dem Hause sieben Jahre, und war wohl verpflegt, und durch Gottes Gnade wegen ihrer Frömmigkeit wuchsen ihr die abgehauenen Hände wieder.
Der König kam endlich aus dem Felde wieder nach Haus, und sein erstes war daß er seine Frau mit dem Kinde sehen wollte. Da fieng die alte Mutter an zu weinen, und sprach »du böser Mann, was hast du mir geschrieben daß ich zwei unschuldige Seelen ums Leben bringen sollte!« und zeigte ihm die beiden Briefe, die der Böse verfälscht hatte, und sprach weiter »ich habe gethan wie du befohlen hast,« und wies ihm die Wahrzeichen, Zunge und Augen. Da fieng der König an noch viel bitterlicher zu weinen über seine arme Frau und sein Söhnlein, daß es die alte Mutter erbarmte, und sie zu ihm sprach »gib dich zufrieden, sie lebt noch. Ich habe eine Hirschkuh heimlich schlachten lassen, und von dieser die Wahrzeichen genommen, deiner Frau aber habe ich ihr Kind auf den Rücken gebunden, und sie geheißen in die weite Welt zu gehen, und sie hat versprechen müssen nicht wieder hierher zu kommen, weil du so zornig über sie wärst.« Da sprach der König »ich will gehen so weit der Himmel blau ist, und nicht essen und nicht trinken bis ich meine liebe Frau und mein Kind wieder gefunden habe, wenn sie nicht in der Zeit umgekommen oder Hungers gestorben sind.«
Darauf zog der König umher, an die sieben Jahre lang, und suchte sie in allen Steinklippen und Felsenhöhlen, aber er fand sie nicht, und dachte, sie wäre verschmachtet. Er aß nicht und trank nicht während dieser ganzen Zeit, aber Gott erhielt ihn. Endlich kam er in einen großen Wald, und fand darin das kleine Häuschen, daran das Schildchen war mit den Worten »hier wohnt ein jeder frei.« Da kam die weiße Jungfrau heraus, nahm ihn bei der Hand, führte ihn hinein, und sprach »seyd willkommen, Herr König,« und fragte ihn wo er her käme. Er antwortete »ich bin bald sieben Jahre umher gezogen, und suche meine Frau mit ihrem Kinde, ich kann sie aber nicht finden.« Der Engel bot ihm Essen und Trinken an, er nahm es aber nicht, und wollte nur ein wenig ruhen. Da legte er sich schlafen, und deckte sein Tuch über sein Gesicht.
Darauf gieng der Engel in die Kammer, wo die Königin mit ihrem Sohne saß, den sie gewöhnlich Schmerzenreich nannte, und sprach zu ihr »geh heraus mit sammt deinem Kinde, dein Gemahl ist gekommen.« Da gieng sie hin wo er lag, und das Tuch fiel ihm vom Angesicht. Da sprach sie »Schmerzenreich, heb deinem Vater das Tuch auf, und decke ihm sein Gesicht wieder zu.« Das Kind hob es auf, und deckte es wieder über sein Gesicht. Das hörte der König im Schlummer, und ließ das Tuch noch einmal gerne fallen. Da ward das Knäbchen ungeduldig, und sagte »liebe Mutter, wie kann ich meinem Vater das Gesicht zudecken, ich habe ja keinen Vater auf der Welt? Ich habe das Beten gelernt, unser Vater, der du bist im Himmel; da hast du gesagt mein Vater wär im Himmel und wäre der liebe Gott: wie soll ich einen so wilden Mann kennen? der ist mein Vater nicht.« Wie der König das hörte, richtete er sich auf, und fragte wer sie wäre. Da sagte sie »ich bin deine Frau, und das ist dein Sohn Schmerzenreich.« Und er sah ihre lebendigen Hände, und sprach »meine Frau hatte silberne Hände.« Sie antwortete »die natürlichen Hände hat mir der gnädige Gott wieder wachsen lassen«; und der Engel gieng in die Kammer, holte die silbernen Hände, und zeigte sie ihm. Da sah er erst gewiß daß es seine liebe Frau und sein liebes Kind war, und küßte sie, und war froh, und sagte »ein schwerer Stein ist von meinem Herzen gefallen.« Da speiste sie der Engel Gottes noch einmal zusammen, und dann giengen sie nach Haus zu seiner alten Mutter. Da war große Freude überall, und der König und die Königin hielten noch einmal Hochzeit, und sie lebten vergnügt bis an ihr seliges Ende.

Brüder Grimm, Das Mädchen ohne Hände, Kinder- und Hausmärchen, Große Ausgabe, Bd. 1, Dieterichische Buchhandlung, Göttingen, 3. Auflage 1837, S. 187-197. 

Brüder Grimm – Die weiße Schlange

Die weisse Schlange

John Collier - Lady Godiva

Es ist nun schon lange her, da lebte ein König dessen Weisheit im ganzen Lande berühmt war. Nichts blieb ihm unbekannt, und es war als ob ihm Nachricht von den verborgensten Dingen durch die Luft zugetragen würde. Er hatte aber eine seltsame Sitte. Jeden Mittag, wenn von der Tafel alles abgetragen und niemand mehr zugegen war, mußte ein vertrauter Diener noch eine Schüssel bringen. Sie war aber zugedeckt, und der Diener wußte selbst nicht was darin lag, und kein Mensch wußte es, denn der König deckte sie nicht eher auf und aß nicht davon bis er ganz allein war. Das hatte schon lange Zeit gedauert, da überkam eines Tages den Diener, als er die Schüssel wieder wegtrug, die Neugierde so heftig, daß er nicht widerstehen konnte, sondern die Schüssel in seine Kammer brachte. Er verschloß die Thüre sorgfältig, hob den Deckel auf, und da sah er daß eine weiße Schlange darin lag. Bei ihrem Anblick konnte er die Lust nicht zurückhalten, sie zu kosten; er schnitt ein Stückchen davon ab, und steckte es in den Mund. Kaum aber hatte es seine Zunge berührt, so hörte er vor seinem Fenster ein seltsames Gewisper von feinen Stimmen Er gieng und horchte, da merkte er daß es die Sperlinge waren, die mit einander sprachen und sich allerlei erzählten, was sie im Felde und Walde gesehen hatten. Der Genuß der Schlange hatte ihm die Fähigkeit verliehen, die Sprache der Thiere zu verstehen.
Nun trug es sich zu, daß gerade an diesem Tage der Königin ihr schönster Ring fort kam, und auf den vertrauten Diener, der überall Zugang hatte, der Verdacht fiel er habe ihn gestohlen. Der König ließ ihn vor sich kommen, und drohte ihm unter heftigen Scheltworten wenn er bis Morgen den Thäter nicht zu nennen wisse, so solle er dafür angesehen und gerichtet werden. Es half nichts daß er seine Unschuld betheuerte, er ward mit keinem bessern Bescheid entlassen. In seiner Unruhe und Angst gieng er hinab auf den Hof, und bedachte wie er sich aus seiner Noth helfen könne. Da saßen die Enten an einem fließenden Wasser friedlich neben ein ander, ruhten sich, putzten sich mit ihren Schnäbeln glatt, und hielten ein vertrauliches Gespräch. Der Diener blieb stehen und hörte ihnen zu. Sie erzählten sich wo sie heute Morgen all herumgewackelt wären, und was für gutes Futter sie gefunden hätten, da sagte eine verdrießlich »mir liegt etwas schwer im Magen, ich habe einen Ring, der unter der Königin Fenster lag, in der Hast mit hinunter geschluckt.« Da packte sie der Diener gleich beim Kragen, trug sie in die Küche, und sprach zum Koch »schlachte doch diese fette zu erst ab.« »Ja,« sagte der Koch, und wog sie in der Hand, »die hat schon lange darauf gewartet, und gibt einen guten Braten,« und schnitt ihr den Hals ab. Und als sie ausgenommen wurde, so fand sich der Ring der Königin in ihrem Magen. Der Diener konnte nun leicht vor dem Könige seine Unschuld beweisen, und da dieser sein Unrecht wieder gut machen wollte, erlaubte er ihm sich eine Gnade auszubitten, und versprach ihm die größte Ehrenstelle, die er sich an seinem Hofe wünschte.
Der Diener schlug alles aus, und bat nur um ein Pferd und Reisegeld, denn er hatte Lust die Welt zu sehen, und eine Weile darin herum zu ziehen. Er machte sich auf den Weg und kam eines Tags zu einem Teich, da bemerkte er drei Fische, die sich im Rohr gefangen hatten, und nach Wasser schnappten. Da er die Thiersprache verstand, so hörte er wie sie klagten daß sie so elend umkommen müßten. Weil er ein mitleidiges Herz hatte, so stieg er vom Pferde ab, und setzte die drei Gefangenen wieder ins Wasser. Sie zappelten vor Freude, und riefen ihrem Erretter zu »wir wollen dirs gedenken und dirs vergelten.« Er ritt darauf weiter, und nach einem Weilchen kam es ihm vor als hörte er zu seinen Füßen in dem Sand eine Stimme. Er horchte und vernahm wie sich ein Ameisenkönig beklagte, »wenn uns nur die Menschen mit den plumpen Thieren vom Leib blieben! da tritt mir das ungeschickte Pferd mit seinen schweren Hufen meine Leute ohne Barmherzigkeit nieder!« Er lenkte auf einen Seitenweg ein, und der Ameisenkönig rief ihm zu »wir wollen dirs gedenken und dirs vergelten.« Da führte ihn der Weg in einen Wald, und er sah zwei Rabeneltern, die standen bei ihrem Nest, und warfen ihre Jungen heraus. »Fort mit euch, ihr Galgenschwengel,« riefen sie, »wir können euch nicht mehr satt machen, ihr seyd groß genug und könnt euch selbst ernähren.« Die armen Jungen lagen auf der Erde, flatterten und schlugen mit ihren Fittichen, und schrien »wir hilflosen Kinder, wir sollen uns ernähren, und können noch nicht fliegen! uns bleibt nichts übrig als hier Hungers zu sterben.« Da stieg der gute Jüngling ab, tödtete das Pferd mit seinem Degen, und überließ es den jungen Raben zum Futter. Die kamen herbeigehüpft, sättigten sich, und riefen »wir wollen dirs gedenken und dirs vergelten.«
Er mußte jetzt zu Fuße weiter gehen, und als er lange Wege gegangen war, kam er in eine große Stadt. Da war großer Lärm und Gedränge in den Straßen, und kam einer zu Pferde, und machte bekannt, die Königstochter suche einen Gemahl, wer sich aber um sie bewerben wolle, der müsse eine schwere Aufgabe vollbringen, und könne er es nicht glücklich ausführen, so habe er sein Leben verwirkt.« Viele hatten es schon versucht, aber vergeblich ihr Leben daran gesetzt. Der Jüngling, als er die Königstochter in ihrer großen Schönheit sah, vergaß alle Gefahr, trat vor den König, und meldete sich als Freier.
Er ward hinaus ans Meer geführt, und vor seinen Augen ein goldner Ring hineingeworfen; dann ward ihm aufgegeben den Ring aus dem Grunde herauszuholen, und ihm gedroht wenn er ohne ihn wieder in die Höhe käme, so würde er aufs neue hinabgestürzt, und müsse in den Wellen umkommen. Alle bedauerten den schönen Jüngling, und ließen ihn einsam am Meer zurück. Da stand er unentschlossen am Ufer, und überlegte was er wohl thun sollte, als er auf einmal drei Fische daher schwimmen sah, und es waren keine anderen, als jene, welchen er das Leben gerettet hatte. Der mittelste hielt eine Muschel im Munde, die er an den Strand zu Füßen des Jünglings hinlegte, und als dieser sie aufhob und öffnete, so lag der Goldring darin. Voll Freude brachte er ihn dem Könige, und erwartete daß er ihm dafür den verheißenen Lohn gewähren würde. Die stolze Königstochter aber, als sie vernahm, daß er ihr nicht ebenbürtig war, verschmähte ihn, und verlangte er solle erst eine zweite Aufgabe lösen. Sie gieng hinab in den Garten, und streute selbst zehn Säcke voll Hirsen ins Gras. »Die muß er Morgen, eh die Sonne hervor kommt, aufgelesen haben,« sprach sie »und darf kein Körnchen fehlen.« Vergeblich sann der Jüngling wie er diese Forderung erfüllen könnte, er saß traurig im Garten, und erwartete bei Anbruch des Morgens zum Tode geführt zu werden. Als aber die ersten Sonnenstrahlen in den Garten fielen, so sah er die zehn Säcke rund um gefüllt neben einander stehen, und kein Körnchen fehlte darin. Der Ameisenkönig war mit seinen viel tausend Ameisen in der Nacht herangekommen, und die dankbaren Thiere hatten den Hirsen mit großer Emsigkeit aufgelesen und in die Säcke gesammelt. Die Königstochter kam selbst in den Garten herab, und sah mit Verwunderung daß der Jüngling vollbracht hatte was ihm aufgegeben war. Aber sie konnte ihr stolzes Herz noch nicht bezwingen, und sprach »hat er auch die beiden Aufgaben gelöst, so soll er doch nicht eher mein Gemahl werden, bis er mir einen Apfel vom Baume des Lebens gebracht hat.« Der Jüngling hätte aber niemals den Baum des Lebens gefunden, wenn die jungen Raben, um dankbar für ihre Erhaltung zu seyn, sich seiner nicht angenommen hätten. Sie waren indessen groß geworden, und waren ihrem Erretter nachgezogen, und als sie hörten was die Königstochter forderte, flogen sie zu dem Baume des Lebens, und einer brachte im Schnabel einen Apfel, den er in die Hand des Jünglings fallen ließ. Er überreichte ihn der schönen Jungfrau, und da auch die letzte Bedingung erfüllt war, so blieb keine Ausrede mehr übrig. Sie ward seine Gemahlin, und als der alte König starb, erhielt er die Krone, und da sie den Apfel von dem Baume des Lebens gegessen hatten, so erreichten sie in ungestörtem Glück ein hohes Alter.

Brüder Grimm, Die weiße Schlange, Kinder- und Hausmärchen, Große Ausgabe, Bd. 1, Dieterichische Buchhandlung, Göttingen, 3. Auflage 1837, S. 108-113.

Alexander Nikolajewitsch Afanassjew - Die Kaufmannstochter und ihre Dienerin

   Alexander Nikolajewitsch Afanassjew Alexander Nikolajewitsch Afanassjew     Die Kaufmannstochter und ihre Dienerin.    ...