Direkt zum Hauptbereich

Richard Wilhelm - Weiberworte trennen Fleisch und Bein




Weiberworte trennen Fleisch und Bein

Es waren einmal zwei Brüder, die wohnten in demselben Hause. Der Große hörte auf die Worte seines Weibes und kam darob mit seinem Bruder auseinander. Der Sommer hatte angefangen, und es war Zeit, die hohe Hirse zu säen. Der Kleine hatte kein Korn und bat den Großen, ihm zu leihen. Der Große befahl seinem Weib, es ihm zu geben. Die nahm das Korn, tat es in einen großen Topf und kochte es gar. Dann gab sie es dem Kleinen. Der Kleine wußte nichts davon, ging hin und säte es auf seinem Felde. Da aber das Korn gekocht war, kamen die Halme nicht hervor. Nur ein einziger Same war noch nicht gar gewesen; so wuchs ein einziger Halm in die Höhe. Der Kleine war arbeitsam und fleißig von Natur, darum begoß und behackte er ihn den ganzen Tag. Da wuchs der Halm mächtig wie ein Baum, und eine Ähre brach hervor wie ein Baldachin, so groß, daß sie einen halben Morgen Landes beschattete. Im Herbste ward sie reif. Da nahm der Kleine eine Axt und hieb damit die Ähre ab. Kaum war die Ähre auf den Boden gefallen, da kam plötzlich ein großer Vogel Rokh rauschend heran, nahm die Ähre in den Schnabel und flog davon. Der Kleine lief ihm nach bis an den Strand des Meeres. Der Vogel wandte sich nach ihm und redete auf Menschenweise also: »Ihr müßt mir nichts zuleide tun. Was ist die eine Ähre Euch denn wert? Östlich vom Meer, da ist die Gold- und Silberinsel. Ich will Euch hinübertragen. Da könnt Ihr nehmen, soviel Ihr wollt, und sehr reich werden.«
Der Kleine wars zufrieden und stieg dem Vogel auf den Rücken. Der hieß ihn die Augen schließen. So hörte er nur die Luft an seinen Ohren sausen, als führe er durch einen starken Wind, und unter sich hörte er das Rauschen und Toben von Flut und Wellen. Im Nu ließ sich der Vogel auf einer Insel nieder. »Nun sind wir da«, sagte er.
Da machte der Kleine die Augen auf und blickte um sich; da sah er allenthalben Glanz und Glimmer, lauter gelbe und weiße Sachen. Er nahm von den kleinen Stücken etwa ein Dutzend und barg sie in seinem Busen.
»Ist es genug?« fragte der Vogel Rokh.
»Ja, ich habe genug«, antwortete er. »Gut so«, sagte der Vogel, »Genügsamkeit schützt vor Schaden.«
Dann nahm er ihn wieder auf den Rücken und trug ihn übers Meer zurück.
Als der Kleine nach Hause kam, da kaufte er sich mit der Zeit ein gut Stück Land und ward recht wohlhabend.
Sein Bruder aber ward neidisch auf ihn und fuhr ihn an: »Wo hast du denn das Geld gestohlen?«
Der Kleine sagte ihm alles der Wahrheit gemäß. Da ging der Große heim und hielt mit seinem Weibe Rat.
»Nichts leichter als das«, sagte das Weib. »Ich koche einfach wieder Getreide und behalte ein Korn zurück, daß es nicht gar wird. Das säst da aus, und wir wollen sehen, was geschieht.«
Gesagt, getan. Und richtig kam ein einzelner Halm hervor, und richtig trug der Halm eine einzelne Ähre, und als es Zeit zur Ente war, kam wieder der Vogel Rokh und trug sie in seinem Schnabel davon. Der Große freute sich und lief ihm nach, und der Vogel Rokh sprach wieder dieselben Worte wie das vorige Mal und trug den Großen nach der Insel. Dort sah der Große Gold und Silber ringsum angehäuft. Die großen Stücke waren wie Berge, die kleinen waren wie Ziegelsteine und die ganz kleinen wie Sandkörner. Es blendete ihn ganz in den Augen. Er bedauerte nur, daß er kein Mittel wußte, Berge zu versetzen. So bückte er sich denn und hub an Stücken auf, was er konnte.
Der Vogel Rokh sprach: »Nun ists genug! Es geht dir über die Kraft.« 
»Gedulde dich noch eine kleine Weile«, sagte der Große. »Sei nicht so eilig! Ich muß noch ein paar Stücke haben.«
Darüber verging die Zeit.
Der Vogel Rokh trieb ihn abermals zur Eile an: »Die Sonne wird gleich kommen«, sagte er, »und die ist so heiß, daß sie die Menschen verbrennt.«
»Wart noch ein bißchen«, sagte der Große.
Im Augenblick aber kam ein rotes Rad mit Macht hervor. Der Vogel Rokh flog in das Meer, breitete seine beiden Flügel aus und schlug damit in das Wasser, um der Hitze zu entrinnen. Der Große aber ward von der Sonne aufgezehrt. 




Beliebte Posts aus diesem Blog

Alexander Nikolajewitsch Afanassjew - Die Kaufmannstochter und ihre Dienerin

Alexander Nikolajewitsch Afanassjew Die Kaufmannstochter und ihre Dienerin.
Es lebte einmal ein Kaufmann, der hatte eine wunderschöne Tochter. Mit seinen Waren zog der Kaufmann in verschiedene Länder, einmal aber kaufte sie sogar der Zar und klagte dabei »Ich kann keine Braut für mich finden.« »Ich habe eine Tochter,« antwortete der Kaufmann, »die ist wunderschön und so klug, daß sie alles errät, was man denkt!« Da zauderte der Zar keine Stunde, sondern schrieb einen Brief, den gab er seinen Gendarmen: »Geht zur Kaufmannstochter und bringt ihr meinen Brief.« In dem Brief stand: »Komm zur Hochzeit.« Als die Kaufmannstochter den Brief gelesen hatte, weinte sie bitterlich. Dann aber machten sie und ihre Dienerin sich reisefertig. Niemand konnte sie von der Dienerin unterscheiden, so ähnlich sahen sie einander, sie waren noch dazu gleich gekleidet. So gingen sie zur Hochzeit. Die Dienerin aber war darüber neidisch und sagte unterwegs: »Gehen wir auf dieser Insel spazieren!« Auf der Insel schläfe…

Brüder Grimm – Die weiße Schlange

Die weisse Schlange

John Collier - Lady Godiva
Es ist nun schon lange her, da lebte ein König dessen Weisheit im ganzen Lande berühmt war. Nichts blieb ihm unbekannt, und es war als ob ihm Nachricht von den verborgensten Dingen durch die Luft zugetragen würde. Er hatte aber eine seltsame Sitte. Jeden Mittag, wenn von der Tafel alles abgetragen und niemand mehr zugegen war, mußte ein vertrauter Diener noch eine Schüssel bringen. Sie war aber zugedeckt, und der Diener wußte selbst nicht was darin lag, und kein Mensch wußte es, denn der König deckte sie nicht eher auf und aß nicht davon bis er ganz allein war. Das hatte schon lange Zeit gedauert, da überkam eines Tages den Diener, als er die Schüssel wieder wegtrug, die Neugierde so heftig, daß er nicht widerstehen konnte, sondern die Schüssel in seine Kammer brachte. Er verschloß die Thüre sorgfältig, hob den Deckel auf, und da sah er daß eine weiße Schlange darin lag. Bei ihrem Anblick konnte er die Lust nicht zurückhalten, sie zu kosten…

Alois Wilhelm Schreiber - Die drei Jungfrauen aus dem See

Ohngefähr in der Mitte des schönen Thales von Ober-Kappel, da, wo der Weg zum Mummelsee hinaufführt, liegen mehrere zerstreute Wohnungen, die zusammen den Zinken Seebach ausmachen. Wie in vielen Gegenden Deutschlands, so ist es auch hier Sitte, daß an den langen Winterabenden die jungen Mädchen mit ihren Kunkeln sich abwechselnd in einer der Wohnungen versammeln, um sich beim Spinnen die Zeit um so angenehmer durch Singen und Plaudern zu vertreiben. »Zur Spinnstube gehen«, nennt man diesen Gebrauch. Auch die jungen ledigen Bursche aus dem Orte pflegen sich dabei einzufinden, doch beschränken sich Alle auf ehrbare Kurzweil. Vor vielen Jahren war eines Abends die Spinnstube bei dem reichen Hofbauer Erlfried und Alles munter und guter Dinge, als die Thüre sich leis öffnete und drei weißgekleidete Jungfrauen von ausnehmender Schönheit hereintraten, Jede ein niedliches Spinnrädchen von seltsamer Form in der Hand. Sittsam begrüßten sie die Gesellschaft und die Eine von ihnen fragte mit süßer…