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Mittwoch, 1. September 2010

Der verzauberte Riese: Kolur im Nipufjall.

Kolur im Nipufjall.

Karl Ehrenberg - Hel

Lbs. 536, 4to. Von Páll Pálsaon in Árkvörn nach der Erzählung der alten Frau Guðríður Eyolfadóttir 1863/4 niedergeschrieben.

Tritill Laeralitill, ein Bauernjunge, kommt immer in ein Königreich zur schönen Prinzessin Ingibjörg. Der König wird darüber böse und sagt dem Knaben, daß er ihn in drei Jahren töten würde, wenn er ihm nicht bis dahin mitteilen könne, was er nun gerade denke. — Tritill geht zu seinen Eltern, die nicht weit vom Königreich in einer Hütte wohnen und erzählt ihnen das Geschehene. Er bittet um Proviant und neue Schuhe, denn er wolle den weisen Riesen Kolur im Nipufjall aufsuchen und um Rat fragen. Schweren Herzens lassen die Eltern ihn ziehen. Spät am Abend kommt er in ein Bauern gehöft zu zwei alten Brüdern. Er erhält hier Nachtquartier und erzählt sein Vorhaben. Sie raten ihm sehr davon ab, denn Kolur sei der schlimmste Riese, den man sich denken könne, und noch keiner sei lebend ihm entkommen. Da Tritill trotzdem auf seinem Plane beharrt, bitten sie ihn beim Ab schied, Kolur von ihnen zu grüßen und ihn zu fragen, wer ihnen eigentlich immer die Schafe wegstähle. In der folgenden Nacht wohnt Tritill bei einer armen Frau. Auch sie rät ihm vergeblich von seinem Vorhaben ab. Sie läßt dann den Riesen fragen, wohin die zehn Schlüssel an einem Ringe gekommen seien, die sie vor drei Jahren verloren habe. Am dritten Abend kommt er zu einer Witwe. Diese möchte gern wissen, woher es komme, daß nun schon drei Männer in der Brautnacht von ihr gestohlen seien. Zum Abschied schenkt die Frau dem Knaben eine große Axt und sagt, die müsse er haben, um sich Stufen in den steilen Felsen zu hauen. Sonst käme er gar nicht zur Höhle des Riesen hinauf. Tritill kommt nun endlich an den Nipufjall, klettert hinauf, geht in die Höhle und verbirgt sich unter einem großen Bett. Spät abends kommt der Riese von der Jagd heim. Er riecht gleich, daß ein Mensch da ist und fordert diesen auf, nur sogleich hervor zukommen. Wie Tritill daraufhin unter dem Bett hervorkriecht, sagt Kolur, er wolle ihn sogleich töten. Der Knabe erklärt, er habe nichts dagegen, denn deswegen sei er ja gekommen. Er habe nur noch im Auftrage anderer vorher drei Fragen an ihn zu richten. Kolur will ihm die Antworten lieber am fol genden Morgen geben — bis dahin dürfe er am Leben bleiben. Ob er in der Nacht auf dem Boden oder mit ihm in seinem Bette schlafen wolle? Tritill wählt das letztere und schläft in Gemütsruhe die ganze Nacht hindurch. Am anderen Morgen führt der Riese ihn hinaus und sagt, jetzt wolle er ihn töten. Tritill läßt sich geduldig auf den Boden legen und bittet, ihm nun auch den Kopf gleich abzuschlagen. Da lacht der Riese und erklärt, solch ein tapferer Kerl sei ihm noch nicht vor gekommen. Die anderen hätte alle solche Angst vor dem Tode gehabt — zum Lohne wolle er ihn jetzt leben lassen. Nun legt ihm Tritill die Fragen vor, die der König ihm gestellt hatte. Kolur sagt, der König habe sich gedacht, der Bauernsohn würde vielleicht einmal sein Schwiegersohn werden. Wenn nun der König die Wahrheit dieser Aussage leugnen wolle, so solle Tritill drohen, ihn zu ermorden. Dann würde er sie wohl zugestehen. — Mit den drei Männern der Witwe habe es fol gende Bewandnis: Eine riesenhafte Unholdin sei im Gehöfte versteckt, und diese hole sich allemal in der Hochzeitsnacht den jungen Ehemann, um ihn zu verspeisen. Die Schlüssel an dem Ringe würde die Frau in der nördlichen Ecke des Heugartens wiederfinden, wo sie einmal mit einem herum ziehenden Manne geschlafen habe. Und was den Schafdieb stahl anbeträfe, so wäre ein Bruder der Dieb des anderen. — Hierauf gibt Kolur dem Knaben ein Horn und sagt, er solle daraus trinken, wenn er sich in höch ster Not befinde. Ferner gibt er ihm einen Speer und rät ihm, mit ihm den König zu durchbohren, falls dieser nicht die Wahrheit eingestehen wolle. Nun bringt Kolur seinen Gast noch ein Stück Weges. Beim Abschied bittet er ihn dringend, ihn zur Hochzeit zu laden, wenn er die Königstochter Ingibjörg heiraten würde. — — Wie Tritill zur Witwe kommt, ist diese gerade im Begriff, ihren vierten Mann zu ehelichen. Auf ihre Bitte nimmt er am Hochzeitsfeste teil und legt sich in der Nacht in eine dicke Tierhaut gehüllt vor das Bett des jungen Ehepaares. Wie um Mitternacht alle schlafen, hört er die furchtbare Riesin kommen. Ehe er sie ergreift, trinkt er schnell aus dem Horne. Dann wirft er seine Tierhaut über sie und schleppt sie aus dem Gehöft heraus. Draußen steht schon ein Kessel mit einem Messer, den die Unholdin für ihr Opfer bereit gestellt hatte, Tritill schneidet ihr den Hals durch, läßt Holz und Feuer herbei holen und verbrennt die Riesin. Am anderen Morgen belohnt ihm die Frau seine Heldentat mit vielem Gelde. Der zweiten Frau weist er nun an, wo sie die Schlüssel wieder finden wird, und den Brüdern sagt er, daß sie sich immer gegenseitig bestohlen hätten. Darüber werden sie auf einander so wütend, daß einer den andern tot schlägt. Tritill nimmt all ihre Kostbarkeiten an sich und geht nun ins Königreich. Der König leugnet zuerst die Richtigkeit der Antwort. Als ihm aber Tritill den Speer auf die Brust setzt und ihn zu erstechen droht, gibt er die Wahrheit zu. Der Knabe wird nun in allen ritterlichen Künsten unterrichtet. Nachdem er durch seine Tüchtigkeit sich Ruhm und Ansehen erworben hat, soll die Hochzeit mit der Königstochter Ingibjörg gefeiert werden. Seines Vorsprechens eingedenk ladet Tritill zum Feste auch Kolur ein. Wie der Riese kommt, sind alle ganz erschrocken über ihn. Aber Tritill läßt ihn an seiner Seite sitzen und ihm eine Unmenge Speisen und Getränke vorsetzen. Zur Be lohnung für seine guten Ratschläge bittet sich der Riese aus, in der ersten Nacht mit Ingibjörg im gleichen Bette schlafen zu dürfen. Tritill geht darauf ein, und auch die Prinzessin gestattet es schließlich, da der Riese schwört, sie nicht zu be rühren. Außerdem soll Tritill die ganze Nacht mit einem Licht und einem Schwerte Wache stehen. In der Nacht sieht nun Tritill, daß eine Riesenhaut am Boden liegt und ein schöner Königssohn im Bette sich befindet. Er verbrennt die Haut und beträufelt den Schlafenden mit Wein, bis er erwacht. Nun dankt dieser dem jungen Paare für seine Erlösung — die von Tritili getötete Riesin habe ihn einst in diese Verzauberung hineingewünscht. Er habe jeden ermorden müssen, der seinen Tod gefürchtet hätte.

Adeline Rittershaus, Die neuisländischen Volksmärchen, Halle a. d. S., Max Niemeyer, 1902, S. 1 ff.


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