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Mittwoch, 1. September 2010

Der verzauberte Riese: Das Märchen vom Riesen im Bládalur.

Das Märchen vom Riesen im Bládalur.

Lbs. 537, 4 to.


Hier ist der Held, namens Sigurður, der Sohn eines abgedankten Ministers des Königs. Am ersten Sommertage soll er dem Könige sagen, was dieser sich gedacht habe. Der Vater rät ihm, den Riesen im Bládalur aufzusuchen, um von ihm die Gedanken des Königs zu erfahren. Auch hier werden unterwegs noch drei weitere Fragen an den Riesen gestellt. Zwei Bauern wollen wissen, wer ihnen in der Neujahrsnacht immer alles Silber stiehlt und eine Witwe, wo ihre Schlüssel sich befinden. Alle drei Personen versprechen dem Sigurður 100 Reichstaler für die Antwort. Wie der Knabe in die Wohnung des Riesen kommt, macht er alles hübsch sauber und bereitet das Abendbrot. Während er noch am Feuer steht, kommt eine weisse Hündin herein, die freundlich an ihm emporspringt und ihm die Hände leckt. Auch der Riese begrüsst ihn herzlich, lässt ihn am Abendessen teilnehmen und nachts in seinem Bett schlafen. Am andern Morgen steht er aber mit geschwungener Axt vor ihm und will ihn töten. Sigurður meint, einmal müsse man ja doch sterben — ihm sei gleichgültig, wann das sei. Weil der Knabe nun so gar keine Angst zeigt, wird ihm das Leben geschenkt. Den Winter hindurch bleibt er beim Riesen und wird von ihm in allen ritterlichen Künsten unterrichtet. Zum Abschied schenkt er ihm ein Pferd, das in Kampfesnot ebensogut wie ein Mensch kämpfen kann. Die Antworten, die er den Bauern, der Witwe und dem Könige zu überbringen hat, sind die gleichen, wie in dem vorhergehenden Märchen. Wenn der König die Wahrheit nicht gestehen will, so verspricht der Riese zur Hilfe zu kommen. Wie Sigurðr sich verabschiedet, küsst er sogar die Hündin, die er sehr lieb gewonnen hat. Sie habe Menschenaugen im Kopfe, meint er. — Als der König die Wahrheit der Antwort leugnet, bricht durch die Wände eine solche Wasserflut, dass der König beinahe ertrinkt. Ehe Sigurður jedoch Ingibjörg heiratet, soll er zum Beweise seiner Tapferkeit noch gegen die 18 Mohren des Königs kämpfen. Diese sind aber so furchtbar stark und wild, dass sie immer in festem Gewahrsam gehalten werden müssen. Sigurður tötet neun von ihnen, das Pferd die anderen neun. In der Hochzeitsnacht legt sich der Riese mit der Hündin zu den Füssen des jungen Paares. Am andern Morgen liegen dort der Königssohn Hringur und seine Schwester Hildur. — Sigurður hilft Hringur sein Königreich wieder zu erobern, dessen sich ein Feind mittlerweile bemächtigt hat. Auf Vorschlag Sigurðurs, der von Anfang an ein Schwert zwischen sich und seine Gemahlin gelegt hatte, heiratet Hringur die schöne Ingibjörg und Sigurður die Königstochter Hildur.
In den zur Vergleichung herangezogenen Märchensammlungen findet sich kein Märchen, das der isländischen Fassung völlig entspricht. Bei Asbj. (5) (Rige Per Kraemmer S. 18 ff.) ist durch Briefvertauschung der arme Junge mit der Tochter des reichen Mannes schon verheiratet. Er wird nun vom Schwiegervater fortgeschickt, um vom Drachen af Dybenfart drei Schwanzfedern zu holen. Bei Grundtv. (12) (Drømmene I S. 131 ff.) soll der arme Hans, der um die Tochter des reichen Per Larsen freit, diese bekommen, wenn er vorher ans Ende der Welt reist. Grimm (165) (Der Vogel Greif II S. 232 ff), sowie Suterm. (19) (Vogel Gryf S. 52 ff.) erzählen im Beginne des Märchens, wie der Held durch Äpfel die kranke Königstochter gesund macht etc. Dann wird in beiden Märchen der Jüngling zum Vogel Greif geschickt, um dem Könige eine Feder aus dessen Schwanz zu holen. Gelingt es ihm, so darf er die Prinzessin heiraten. In allen diesen Märchen bekommt der Jüngling unterwegs noch eine Reihe von Fragen mitgegeben. Nur bei Asbj. ist auch die Rede von den Schlüsseln, die eine Frau (hier sogar eine Königin) verloren hat, als sie der Liebe sich hingab. In den übrigen drei Märchen werden andere Fragen gestellt wie im Isländischen.
Dass demjenigen, der eine besonders hervorragende Persönlichkeit aufsucht, Fragen an diese mitgegeben werden, ist ein Zug, der sich auch noch in anderen Märchen wiederfindet. Benf. I S. 395 ist die Rede von einem Brahmanen, der auf dem Wege zu einem weisen Könige ist, um von diesem gerichtet zu werden. Bei Bas. (4. Tag, 8. Märchen, II S. 96 ff.) geht die Schwester zur Mutter der Zeit, die ihr sagen soll, wie sie ihre Brüder zu erlösen vermag. In dem Märchen »von dem Teufel mit den drei goldenen Haaren« bei Grimm (I 29, S. 112 ff.) wandert der Jüngling zum Teufel, und das gleiche Ziel hat der arme Bauer auch bei Schneller (34) (Die drei Steinwürfe S. 92 ff.). Gonz. (I 47, S. 310 ff.) ist hingegen der einfältig fromme Bursche auf der Fahrt nach Rom, um von einem Christusbilde die versprochene Belohnung zu holen. Köhler verweist in den Anmerkungen zu den sizilianischen Märchen auch noch auf ein armenisches Märchen, das in den Monatsberichten der Berliner Akademie 1866, S. 732 sich findet.
Dem Isländischen eigentümlich scheint der Zug zu sein, dass der aufgesuchte Riese jeden tötet, der seinen Tod fürchtet. Das gleiche Motiv findet sich auch in dem folgenden Märchen Blákápa, und in Illugi Griðarfóstri wird auf die unglückliche Königstochter Signý der gleiche Fluch gelegt (FASN III S. 510 ff.).
Während in vielen isländischen und internationalen Märchen das Motiv sich findet, dass dreimaliges Trinken aus einer Flasche die Kraft erhöht, ist unserm Märchen in seiner ersten Fassung eigentümlich, dass dem Helden eine Flasche mitgegeben wird, aus der er trinken soll, wenn er sich in Not sieht. Den gleichen Zug bietet im Isländischen noch eine Erzählung aus den Útilegumannasögur (Árn. II S. 279). Der Bote des Bischofs von Skálholt, der in die Gewalt der Waldmänner geraten ist, trinkt aus der Flasche, die er für diesen Fall vom Bischof mitbekommen hat. Danach ist er im stände, seine Feinde zu überwinden.
Bemerkenswert ist in der zweiten Fassung des Märchens der Ausspruch Sigurðurs, dass die Hündin Menschenaugen habe. Wie Maurer (S. 316) in einer Anmerkung hervorhebt, war es schon altheidnischer Glaube, dass alle Verzauberungen das menschliche Auge unverändert liessen (z.B. Skáldskaparmál c. 18, S. 284; Laxdaela c. 18). In den neuisländischen Märchen findet sich dieser Zug noch in dem Märchen von der »zur Hündin verzauberten Königstochter« und in dem Märchen von den »zwölf Rindern«.
In einer grossen Anzahl isländischer Märchen (z.B. Snati-Snati, Rauðiboli, Die Maus und die Spinne etc.) bekommt der verzauberte Mensch seine Gestalt wieder, wenn er in der Hochzeitsnacht zu den Füssen des jungen Paares schläft, und zu diesen gehört auch die zweite Fassung unseres Märchens. Wenn sich in der ersten Fassung der Riese jedoch zur Belohnung ausbedingt, dass er eine Nacht hindurch im gleichen Bette mit der Königstochter schlafen dürfe, so findet diese Art der Entzauberung auch noch in vielen anderen isländischen Märchen ihre Parallelen z.B. in Blákápa, im »rollenden Rindsmagen«, Lúsahöttur, Kísa etc.


Adeline Rittershaus, Die neuisländischen Volksmärchen, Halle a. d. S., Max Niemeyer, 1902, S. 4 ff.


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