Direkt zum Hauptbereich

Brüder Grimm - Die alte Bettelfrau


Edgar Degas - Römische Bettlerin


Die alte Bettelfrau.


Es war einmal eine alte Frau, du hast wohl ehe eine alte Frau sehn betteln gehn? Diese alte Frau bettelte auch, und wenn sie etwas bekam, dann sagte sie: »Gott lohn’ euch!« Die Bettelfrau kam an eine Thür, da stand ein freundlicher Schelm von Jungen am Feuer und wärmte sich. Der Junge sagte freundlich zu der armen alten Frau, wie sie so an der Thür stand und zitterte: »kommt Altmutter und erwärmt euch.« Sie kam herzu; sie ging aber zu nahe ans Feuer steh’n, ihre alten Lumpen fingen an zu brennen und sie ward’s nicht gewahr. Der Junge stand und sah das, er hätt’s doch löschen sollen? Nicht wahr, er hätte löschen sollen? Und wenn er kein Wasser gehabt hätte, dann hätte er alles Wasser in seinem Leibe zu den Augen herausweinen sollen, das hätte so zwei hübsche Bächlein gegeben zu löschen.

aus: Brüder Grimm, Kinder- und Haus-Märchen Band 1, Große Ausgabe, G. Reimer, Berlin, 1819, S. 273 f.


Beliebte Posts aus diesem Blog

Alexander Nikolajewitsch Afanassjew - Die Kaufmannstochter und ihre Dienerin

Alexander Nikolajewitsch Afanassjew Die Kaufmannstochter und ihre Dienerin.
Es lebte einmal ein Kaufmann, der hatte eine wunderschöne Tochter. Mit seinen Waren zog der Kaufmann in verschiedene Länder, einmal aber kaufte sie sogar der Zar und klagte dabei »Ich kann keine Braut für mich finden.« »Ich habe eine Tochter,« antwortete der Kaufmann, »die ist wunderschön und so klug, daß sie alles errät, was man denkt!« Da zauderte der Zar keine Stunde, sondern schrieb einen Brief, den gab er seinen Gendarmen: »Geht zur Kaufmannstochter und bringt ihr meinen Brief.« In dem Brief stand: »Komm zur Hochzeit.« Als die Kaufmannstochter den Brief gelesen hatte, weinte sie bitterlich. Dann aber machten sie und ihre Dienerin sich reisefertig. Niemand konnte sie von der Dienerin unterscheiden, so ähnlich sahen sie einander, sie waren noch dazu gleich gekleidet. So gingen sie zur Hochzeit. Die Dienerin aber war darüber neidisch und sagte unterwegs: »Gehen wir auf dieser Insel spazieren!« Auf der Insel schläfe…

Alois Wilhelm Schreiber - Die drei Jungfrauen aus dem See

Ohngefähr in der Mitte des schönen Thales von Ober-Kappel, da, wo der Weg zum Mummelsee hinaufführt, liegen mehrere zerstreute Wohnungen, die zusammen den Zinken Seebach ausmachen. Wie in vielen Gegenden Deutschlands, so ist es auch hier Sitte, daß an den langen Winterabenden die jungen Mädchen mit ihren Kunkeln sich abwechselnd in einer der Wohnungen versammeln, um sich beim Spinnen die Zeit um so angenehmer durch Singen und Plaudern zu vertreiben. »Zur Spinnstube gehen«, nennt man diesen Gebrauch. Auch die jungen ledigen Bursche aus dem Orte pflegen sich dabei einzufinden, doch beschränken sich Alle auf ehrbare Kurzweil. Vor vielen Jahren war eines Abends die Spinnstube bei dem reichen Hofbauer Erlfried und Alles munter und guter Dinge, als die Thüre sich leis öffnete und drei weißgekleidete Jungfrauen von ausnehmender Schönheit hereintraten, Jede ein niedliches Spinnrädchen von seltsamer Form in der Hand. Sittsam begrüßten sie die Gesellschaft und die Eine von ihnen fragte mit süßer…

Brüder Grimm – Die weiße Schlange

Die weisse Schlange

John Collier - Lady Godiva
Es ist nun schon lange her, da lebte ein König dessen Weisheit im ganzen Lande berühmt war. Nichts blieb ihm unbekannt, und es war als ob ihm Nachricht von den verborgensten Dingen durch die Luft zugetragen würde. Er hatte aber eine seltsame Sitte. Jeden Mittag, wenn von der Tafel alles abgetragen und niemand mehr zugegen war, mußte ein vertrauter Diener noch eine Schüssel bringen. Sie war aber zugedeckt, und der Diener wußte selbst nicht was darin lag, und kein Mensch wußte es, denn der König deckte sie nicht eher auf und aß nicht davon bis er ganz allein war. Das hatte schon lange Zeit gedauert, da überkam eines Tages den Diener, als er die Schüssel wieder wegtrug, die Neugierde so heftig, daß er nicht widerstehen konnte, sondern die Schüssel in seine Kammer brachte. Er verschloß die Thüre sorgfältig, hob den Deckel auf, und da sah er daß eine weiße Schlange darin lag. Bei ihrem Anblick konnte er die Lust nicht zurückhalten, sie zu kosten…