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Es werden Posts vom September, 2010 angezeigt.

Brüder Grimm - Das Lumpengesindel

Das Lumpengesindel.
Hähnchen sprach zum Hühnchen: »die Nüsse sind reif geworden, da wollen wir mit einander auf den Berg gehen, und uns einmal recht satt daran essen, eh sie das Eichhorn alle wegholt.« »Ja, antwortete das Hühnchen, komm, wir wollen uns eine Lust miteinander machen.« Da gingen sie zusammen fort, auf den Berg und weil es ein heller Tag war, blieben sie bis zum Abend; nun weiß ich nicht, ob sie sich so dick gegessen, oder ob sie so übermüthig geworden waren, kurz sie wollten nicht zu Fuß nach Haus gehen, und das Hähnchen mußte einen kleinen Wagen von Nußschalen bauen. Als er fertig war, setzte sich Hühnchen hinein und sagte zum Hähnchen: »du kannst dich nur immer vorspannen.« – »Nein, sagte das Hähnchen, das wäre mir recht! lieber geh ich zu Fuß nach Haus, als das ich mich vorspannen lasse, so haben wir nicht gewettet; Kutscher will ich wohl seyn und auf dem Bock sitzen, aber selbst ziehen, das thu ich nicht.«
Wie sie so stritten, schnatterte eine Ente daher: »ihr Diebsvol…

Brüder Grimm - Die alte Bettelfrau

Die alte Bettelfrau.

Es war einmal eine alte Frau, du hast wohl ehe eine alte Frau sehn betteln gehn? Diese alte Frau bettelte auch, und wenn sie etwas bekam, dann sagte sie: »Gott lohn’ euch!« Die Bettelfrau kam an eine Thür, da stand ein freundlicher Schelm von Jungen am Feuer und wärmte sich. Der Junge sagte freundlich zu der armen alten Frau, wie sie so an der Thür stand und zitterte: »kommt Altmutter und erwärmt euch.« Sie kam herzu; sie ging aber zu nahe ans Feuer steh’n, ihre alten Lumpen fingen an zu brennen und sie ward’s nicht gewahr. Der Junge stand und sah das, er hätt’s doch löschen sollen? Nicht wahr, er hätte löschen sollen? Und wenn er kein Wasser gehabt hätte, dann hätte er alles Wasser in seinem Leibe zu den Augen herausweinen sollen, das hätte so zwei hübsche Bächlein gegeben zu löschen.
aus: Brüder Grimm, Kinder- und Haus-Märchen Band 1, Große Ausgabe, G. Reimer, Berlin, 1819, S. 273 f.

Brüder Grimm - Die kluge Else

Die kluge Else

Es war ein Mann, der hatte eine Tochter, die hieß die kluge Else. Als sie nun erwachsen war, sprach der Vater: »wir wollen sie heirathen lassen.« »Ja, sagte die Mutter, wenn nur einer käme, der sie haben wollte.« Endlich kam von weither einer, der hieß Hans und hielt um sie an, unter der Bedingung, daß die kluge Else auch recht gescheidt wäre. »O, sprach der Vater, die hat Zwirn im Kopf« und die Mutter sagte: »ach, die sieht den Wind auf der Gasse laufen und hört die Fliegen husten.« »Ja, sprach der Hans, wenn sie nicht recht gescheidt ist, so nehm ich sie nicht.« Als sie nun zu Tisch saßen und gegessen hatten, sprach die Mutter: »Else geh in den Keller und hol Bier.« Da nahm die Else den Krug von der Wand, ging in den Keller und klappte unterwegs brav mit dem Deckel, damit ihr die Zeit ja nicht lang würde. Als sie unten war, holte sie ein Stühlchen und stellte es vors Faß, damit sie sich nicht zu bücken brauchte und ihrem Rücken etwa nicht weh thäte und unverhofften Sch…
Der süße Brei.

Es war einmal ein armes frommes Mädchen, das lebte mit seiner Mutter allein, und sie hatten nichts mehr zu essen. Da gieng das Kind hinaus in den Wald, und begegnete ihm da eine alte Frau, die wußte seinen Jammer schon, und schenkte ihm ein Töpfchen, zu dem sollt es sagen »Töpfchen koch,« so kochte es guten süßen Hirsenbrei, und wenn es sagte »Töpfchen steh,« so hörte es wieder auf zu kochen. Das Mädchen brachte den Topf seiner Mutter heim, und nun waren sie ihrer Armuth und ihres Hungers ledig, und aßen süßen Brei so oft sie wollten. Auf eine Zeit war das Mädchen ausgegangen, da sprach die Mutter »Töpfchen koch,« da kocht es, und sie ißt sich satt; nun will sie daß das Töpfchen wieder aufhören soll, aber sie weiß das Wort nicht. Also kocht es fort, und der Brei steigt über den Rand heraus, und kocht immer zu, die Küche und das ganze Haus voll, und das zweite Haus und dann die Straße, als wollts die ganze Welt satt machen, und ist die größte Noth, und kein Mensch weiß si…

Peter Christen Asbjørnsen - Der Bursch und der Teufel

Der Bursch und der Teufel
Es war einmal ein Bursch, der ging auf einem Wege und knackte Nüsse; da fand er eine, die war wurmstichig, und im selben Augenblick begegnete ihm der Teufel. »Ist es wahr,« sagte der Bursch, »was man sagt, daß der Teufel sich so klein machen kann, als er will, und sich durch ein Nadelöhr zwängen?« — »Ja,« antwortete der Teufel. »Oh, laß mich das einmal sehen und kriech in diese Nuß!« sagte der Bursch wieder; und das that der Teufel. Als er durch das Loch gekrochen war, schlug der Bursch einen Pflock hinein. »Nun hab’ ich Dich!« sagte er und steckte die Nuß in die Tasche. Wie er nun ein Ende gegangen war, kam er zu einer Schmiede, da ging er hinein und bat den Schmied, er möchte ihm doch die Nuß entzwei schlagen. »Ja, das soll leicht gethan sein,« antwortete der Schmied und nahm seinen kleinsten Hammer, legte die Nuß auf den Amboß und schlug zu; aber sie wollte nicht entzwei. Da nahm er einen etwas größeren Hammer, aber der war auch noch nicht schwer genug; er …

Elisabet Sklarek - Das verstossene Mädchen

Das verstossene Mädchen.

Es war einmal in einer Stadt, wo Turm auf Turm getürmt war, ein sehr, sehr reicher Mann, der wohnte dort mit seinen drei schmucken Töchtern. Dieser Mann war sehr befreundet mit einem Grafen und brachte ihm oft viele Geschenke, und alsdann kam auch er beschenkt heim.
Einstmals nun kam der Mann gerade so beladen heim vom Grafen und war sehr guter Laune. Da rief er seine drei Töchter zu sich und fragte zuerst die älteste:
»Wie liebst du mich, meine schmucke Tochter?«
Das Mädchen, das ein goldenes Kleid hatte, sagte:
»Ich liebe mein liebes Väterchen wie das reinste Gold.«
Da fragte er die mittelste, die ein köstliches, silbernes Hemd hatte:
»Und du, wie liebst du mich?«
»Ich liebe dich, mein liebes Väterchen, wie das reinste Silber.«
Schliesslich sagte er zur jüngsten und liebsten:
»Und du, meine süsse Tochter, wie liebst du mich?«
Er dachte, da er sie am meisten liebte, so würde sie ihn vielleicht auch am meisten lieben.
»Ich liebe meinen lieben Herrn Vater wie da…

Brüder Grimm - Das Goldei (Fragment)

Das Goldei.

Es waren einmal ein paar arme Besenbindersjungen, die hatten noch ein Schwesterchen zu ernähren, da ging es ihnen allen knapp und kümmerlich. Sie mußten alle Tage in den Wald und sich Reisig holen, und wenn die Besen gebunden waren, verkaufte sie das Schwesterchen. Einsmals gingen sie in den Wald, und der jüngste stieg auf einen Birkenbaum, und wollte die Aeste herabhauen, da fand er ein Nest, und darin saß ein dunkelfarbiges Vögelchen, dem schimmerte etwas durch die Flügel, und weil das Vögelchen gar nicht wegflog, und auch nicht scheu that, hob er den Flügel auf und fand ein goldenes Ei, das nahm er und stieg da mit herab. Sie freuten sich über ihren Fund, und gingen damit zum Goldschmid, der sagte, es sey feines Gold und gab ihnen viel Geld dafür. Am andern Morgen gingen sie wieder in den Wald, und fanden auch wieder ein Goldei, und das Vöglein ließ es sich geduldig nehmen, wie das vorigemal. Das währte eine Zeitlang, alle Morgen holten sie das Goldei und waren bald reic…

Brüder Grimm - Von der Frau Füchsin

Von der Frau Füchsin.

I.

Es war einmal ein alter Fuchs mit neun Schwänzen, der wollte sehen, ob ihm seine Frau treu wäre, streckte sich unter die Bank und stellte sich mausetodt. Da ging die Frau Füchsin hinauf in ihre Kammer, schloß sich ein und ihre Magd die Katze saß auf dem Heerd und kochte. Als es nun bekannt wurde, daß der alte Fuchs gestorben war, klopfte es an die Hausthür:
»was macht sie Jungfer Katze?
schläft se oder wacht se?«
Da ging die Katze und machte auf: ein junger Fuchs stand haußen:
ich schlafe nicht, ich wache,
ich koche warm Bier und Butterlein,
will der Herr mein Gast seyn?
»Nein ich bedanke mich, was macht die Frau Füchsin?«
sie sitzt auf ihrer Kammer,
beklagt ihren Jammer,
weint ihre Aeuglein seidenroth
weil der alte Herr Fuchs ist todt.
»Sag sie, es wär ein junger Fuchs da, der wollte sie gern freien!«
Da ging die Katz die Tripp die Trapp,
da schlug die Thür, die Klipp die Klapp:
Frau Füchsin sind sie da? –
»ach ja mein Kätzchen ja!« –
es ist ein Freier draus.
Da sprach die …

Brüder Grimm -Die drei Schlangenblätter.

Die drei Schlangenblätter.
Es war einmal ein armer Mann, der hatte einen einzigen Sohn, er konnte ihn aber nicht mehr ernähren. Da sprach der Sohn: »lieber Vater, es geht euch so kümmerlich, ihr könnt mir das Brot nicht mehr geben, ich will fort und sehen, wie ich mir durch die Welt helfe.« Da gab ihm der Vater seinen Segen und nahm mit großer Trauer Abschied, der Sohn aber ward Soldat und zog mit ins Feld. Als er vor den Feind kam, da gings scharf her und regnete blaue Bohnen, daß seine Kammeraden von allen Seiten niederstürzten. Endlich fiel auch ihr Anführer, da wollten die übrigen fliehen, aber der Jüngling trat heraus, sprach ihnen Muth ein und rief: »unser Vaterland wollen wir nicht lassen!« Da folgten sie ihm und er drang ein und schlug den Feind. Wie die Nachricht zum König kam, daß dieser allein die Schlacht gewonnen hätte, erhob er ihn, machte ihn zu einem mächtigen und angesehenen Manne und gab ihm große Schätze.
Dieser König hatte eine schöne aber wunderliche Tochter, die e…

Brüder Grimm – Die Wassernix.

Die Wassernix.
Johann William Waterhouse - Mermaid
Ein Brüderchen und ein Schwesterchen spielten an einem Brunnen, und wie sie so spielten, plumpten sie beide hinein. Da war unten eine Wassernix, die sprach »jetzt hab ich euch, jetzt sollt ihr mir brav arbeiten,« und führte sie mit sich fort. Dem Mädchen gab sie verwirrten garstigen Flachs zu spinnen, und Wasser mußte es in ein hohles Faß schleppen, der Jung aber sollte einen Baum mit einer stumpfen Axt hauen; und nichts zu essen bekamen sie, als steinharte Klöße. Da wurden zuletzt die Kinder so ungeduldig, daß sie warteten, bis eines Sonntags die Nixe in der Kirche war, da entflohen sie. Und als die Kirche vorbei war, sah die Nix daß die Vögel ausgeflogen waren, und setzte ihnen mit großen Sprüngen nach. Die Kinder erblickten sie aber von weitem, und das Mädchen warf eine Bürste hinter sich, das gab einen großen Bürstenberg, mit tausend und tausend Stacheln, über den die Nix mit großer Müh klettern mußte, endlich aber kam sie doch hinü…

Brüder Grimm – Der Fuchs und die Katze.

Der Fuchs und die Katze.
Lovis Corinth - Katze auf Baumstrunk
Es trug sich zu, daß die Katze in einem Walde dem Herrn Fuchs begegnete, und weil sie dachte »er ist gescheidt und wohl erfahren, und gilt viel in der Welt,« so sprach sie ihm freundlich zu. »Guten Tag, lieber Herr Fuchs, wie gehts? wie stehts? wie schlagt ihr euch durch in dieser theuren Zeit? »Der Fuchs, alles Hochmuthes voll, sah sie an von Kopf bis zu Füßen, und wußte lange nicht ob er ihr eine Antwort geben sollte. Endlich sprach er »o du armseliger Wicht, du buntscheckiger Narr, du Hungerleider und Mäusejäger, was kommt dir in den Sinn? du untere stehst dich zu fragen wie mirs gehe? was weißt du? wie viel Künste verstehst du? »Ich verstehe nur eine einzige« antwortete bescheidentlich die Katze. »Was ist das für eine Kunst? fragte der Fuchs. »Wenn die Hunde hinter mir her sind, so kann ich auf einen Baum springen, und mich retten,« »Ist das alles?« sagte der Fuchs, »ich bin Herr über hundert Künste, und habe überdies noc…

Brüder Grimm – Die drei Sprachen

Die drei Sprachen


In der Schweiz lebte einmal ein alter Graf, der hatte nur einen einzigen Sohn, aber er war dumm, und konnte nichts lernen. Da sprach der Vater ›hör, mein Sohn, ich bringe nichts in deinen Kopf, ich mag es anfangen wie ich will. Jetzt sollst du fort, und ein berühmter Meister es mit dir versuchen‹. Der Junge ward in eine fremde Stadt geschickt, und blieb bei dem Meister ein ganzes Jahr. Nach Verlauf dieser Zeit kam er wieder heim, und der Vater fragte ›nun mein Sohn, was hast du gelernt?‹ ›Vater, ich habe gelernt was die Hunde bellen‹ antwortete er. ›Daß Gott erbarm,‹ rief der Vater aus, ›ist das alles was du gelernt hast? ich will dich in eine andere Stadt zu einem andern Meister thun.‹ Der Junge ward hingebracht, und blieb bei diesem Meister auch ein Jahr, und als er zurückkam fragte der Vater wiederum ›mein Sohn, was hast du gelernt?‹ Er antwortete ›Vater, ich habe gelernt was die Vögli sprechen.‹ Da gerieth der Vater in Zorn, und sprach ›o du verlorner Mensch, has…

Brüder Grimm – Das Mädchen ohne Hände

Das Mädchen ohne Hände.
Robert Henri

Ein Müller war nach und nach in Armuth geraten, und hatte nichts mehr als seine Mühle und einen großen Apfelbaum dahinter. Einmal war er in den Wald gegangen Holz zu holen, da trat ein alter Mann zu ihm, den er noch niemals gesehen hatte, und sprach »was quälst du dich mit Holzhacken, ich will dich reich machen, wenn du mir versprichst was hinter deiner Mühle steht.« »Was kann das anders seyn als mein Apfelbaum?« dachte der Müller, sagte ja, und verschrieb es dem fremden Manne. Der aber lachte höhnisch, und gieng fort. Als der Müller nach Haus kam, trat ihm seine Frau entgegen, und sprach »ei, Müller, woher kommt der plötzliche Reichthum in unser Haus? auf einmal sind alle Kisten und Kasten voll, kein Mensch hats hereingebracht, und ich weiß nicht wie es zugegangen ist.« Er antwortete, »das kommt von einem fremden Manne, der mir im Walde begegnet ist, und mir große Schätze verheißen hat: ich habe ihm dagegen verschrieben was hinter der Mühle steht; d…

Brüder Grimm – Die weiße Schlange

Die weisse Schlange

John Collier - Lady Godiva
Es ist nun schon lange her, da lebte ein König dessen Weisheit im ganzen Lande berühmt war. Nichts blieb ihm unbekannt, und es war als ob ihm Nachricht von den verborgensten Dingen durch die Luft zugetragen würde. Er hatte aber eine seltsame Sitte. Jeden Mittag, wenn von der Tafel alles abgetragen und niemand mehr zugegen war, mußte ein vertrauter Diener noch eine Schüssel bringen. Sie war aber zugedeckt, und der Diener wußte selbst nicht was darin lag, und kein Mensch wußte es, denn der König deckte sie nicht eher auf und aß nicht davon bis er ganz allein war. Das hatte schon lange Zeit gedauert, da überkam eines Tages den Diener, als er die Schüssel wieder wegtrug, die Neugierde so heftig, daß er nicht widerstehen konnte, sondern die Schüssel in seine Kammer brachte. Er verschloß die Thüre sorgfältig, hob den Deckel auf, und da sah er daß eine weiße Schlange darin lag. Bei ihrem Anblick konnte er die Lust nicht zurückhalten, sie zu kosten…