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Alexander Nikolajewitsch Afanassjew - Die Kaufmannstochter und ihre Dienerin

Alexander Nikolajewitsch Afanassjew Die Kaufmannstochter und ihre Dienerin.
Es lebte einmal ein Kaufmann, der hatte eine wunderschöne Tochter. Mit seinen Waren zog der Kaufmann in verschiedene Länder, einmal aber kaufte sie sogar der Zar und klagte dabei »Ich kann keine Braut für mich finden.« »Ich habe eine Tochter,« antwortete der Kaufmann, »die ist wunderschön und so klug, daß sie alles errät, was man denkt!« Da zauderte der Zar keine Stunde, sondern schrieb einen Brief, den gab er seinen Gendarmen: »Geht zur Kaufmannstochter und bringt ihr meinen Brief.« In dem Brief stand: »Komm zur Hochzeit.« Als die Kaufmannstochter den Brief gelesen hatte, weinte sie bitterlich. Dann aber machten sie und ihre Dienerin sich reisefertig. Niemand konnte sie von der Dienerin unterscheiden, so ähnlich sahen sie einander, sie waren noch dazu gleich gekleidet. So gingen sie zur Hochzeit. Die Dienerin aber war darüber neidisch und sagte unterwegs: »Gehen wir auf dieser Insel spazieren!« Auf der Insel schläfe…
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Richard Wilhelm - Weiberworte trennen Fleisch und Bein

Weiberworte trennen Fleisch und Bein
Es waren einmal zwei Brüder, die wohnten in demselben Hause. Der Großehörte auf die Worte seines Weibes undkam darob mit seinem Bruder auseinander. Der Sommer hatte angefangen,und es war Zeit, die hohe Hirse zu säen.Der Kleine hatte kein Korn und batden Großen, ihm zu leihen. Der Große befahl seinemWeib, es ihm zu geben. Die nahm das Korn, tat es in einengroßen Topf und kochte es gar. Dann gab sie es demKleinen. Der Kleine wußte nichts davon, ging hin undsäte es auf seinem Felde. Da aber das Korn gekocht war,kamen die Halme nicht hervor. Nur ein einziger Samewar noch nicht gar gewesen; so wuchs ein einziger Halmin die Höhe. Der Kleine war arbeitsam und fleißig vonNatur, darum begoß und behackte er ihn den ganzen Tag.Da wuchs der Halm mächtig wie ein Baum, und eineÄhre brach hervor wie ein Baldachin, so groß, daß sieeinen halben Morgen Landes beschattete. Im Herbsteward sie reif. Da nahm der Kleine eine Axt und hieb damit die Ähre ab. Kaum war die Äh…

Alois Wilhelm Schreiber - Die drei Jungfrauen aus dem See

Ohngefähr in der Mitte des schönen Thales von Ober-Kappel, da, wo der Weg zum Mummelsee hinaufführt, liegen mehrere zerstreute Wohnungen, die zusammen den Zinken Seebach ausmachen. Wie in vielen Gegenden Deutschlands, so ist es auch hier Sitte, daß an den langen Winterabenden die jungen Mädchen mit ihren Kunkeln sich abwechselnd in einer der Wohnungen versammeln, um sich beim Spinnen die Zeit um so angenehmer durch Singen und Plaudern zu vertreiben. »Zur Spinnstube gehen«, nennt man diesen Gebrauch. Auch die jungen ledigen Bursche aus dem Orte pflegen sich dabei einzufinden, doch beschränken sich Alle auf ehrbare Kurzweil. Vor vielen Jahren war eines Abends die Spinnstube bei dem reichen Hofbauer Erlfried und Alles munter und guter Dinge, als die Thüre sich leis öffnete und drei weißgekleidete Jungfrauen von ausnehmender Schönheit hereintraten, Jede ein niedliches Spinnrädchen von seltsamer Form in der Hand. Sittsam begrüßten sie die Gesellschaft und die Eine von ihnen fragte mit süßer…

Brüder Grimm - Das Lumpengesindel

Das Lumpengesindel.
Hähnchen sprach zum Hühnchen: »die Nüsse sind reif geworden, da wollen wir mit einander auf den Berg gehen, und uns einmal recht satt daran essen, eh sie das Eichhorn alle wegholt.« »Ja, antwortete das Hühnchen, komm, wir wollen uns eine Lust miteinander machen.« Da gingen sie zusammen fort, auf den Berg und weil es ein heller Tag war, blieben sie bis zum Abend; nun weiß ich nicht, ob sie sich so dick gegessen, oder ob sie so übermüthig geworden waren, kurz sie wollten nicht zu Fuß nach Haus gehen, und das Hähnchen mußte einen kleinen Wagen von Nußschalen bauen. Als er fertig war, setzte sich Hühnchen hinein und sagte zum Hähnchen: »du kannst dich nur immer vorspannen.« – »Nein, sagte das Hähnchen, das wäre mir recht! lieber geh ich zu Fuß nach Haus, als das ich mich vorspannen lasse, so haben wir nicht gewettet; Kutscher will ich wohl seyn und auf dem Bock sitzen, aber selbst ziehen, das thu ich nicht.«
Wie sie so stritten, schnatterte eine Ente daher: »ihr Diebsvol…

Brüder Grimm - Die alte Bettelfrau

Die alte Bettelfrau.

Es war einmal eine alte Frau, du hast wohl ehe eine alte Frau sehn betteln gehn? Diese alte Frau bettelte auch, und wenn sie etwas bekam, dann sagte sie: »Gott lohn’ euch!« Die Bettelfrau kam an eine Thür, da stand ein freundlicher Schelm von Jungen am Feuer und wärmte sich. Der Junge sagte freundlich zu der armen alten Frau, wie sie so an der Thür stand und zitterte: »kommt Altmutter und erwärmt euch.« Sie kam herzu; sie ging aber zu nahe ans Feuer steh’n, ihre alten Lumpen fingen an zu brennen und sie ward’s nicht gewahr. Der Junge stand und sah das, er hätt’s doch löschen sollen? Nicht wahr, er hätte löschen sollen? Und wenn er kein Wasser gehabt hätte, dann hätte er alles Wasser in seinem Leibe zu den Augen herausweinen sollen, das hätte so zwei hübsche Bächlein gegeben zu löschen.
aus: Brüder Grimm, Kinder- und Haus-Märchen Band 1, Große Ausgabe, G. Reimer, Berlin, 1819, S. 273 f.

Brüder Grimm - Die kluge Else

Die kluge Else

Es war ein Mann, der hatte eine Tochter, die hieß die kluge Else. Als sie nun erwachsen war, sprach der Vater: »wir wollen sie heirathen lassen.« »Ja, sagte die Mutter, wenn nur einer käme, der sie haben wollte.« Endlich kam von weither einer, der hieß Hans und hielt um sie an, unter der Bedingung, daß die kluge Else auch recht gescheidt wäre. »O, sprach der Vater, die hat Zwirn im Kopf« und die Mutter sagte: »ach, die sieht den Wind auf der Gasse laufen und hört die Fliegen husten.« »Ja, sprach der Hans, wenn sie nicht recht gescheidt ist, so nehm ich sie nicht.« Als sie nun zu Tisch saßen und gegessen hatten, sprach die Mutter: »Else geh in den Keller und hol Bier.« Da nahm die Else den Krug von der Wand, ging in den Keller und klappte unterwegs brav mit dem Deckel, damit ihr die Zeit ja nicht lang würde. Als sie unten war, holte sie ein Stühlchen und stellte es vors Faß, damit sie sich nicht zu bücken brauchte und ihrem Rücken etwa nicht weh thäte und unverhofften Sch…
Der süße Brei.

Es war einmal ein armes frommes Mädchen, das lebte mit seiner Mutter allein, und sie hatten nichts mehr zu essen. Da gieng das Kind hinaus in den Wald, und begegnete ihm da eine alte Frau, die wußte seinen Jammer schon, und schenkte ihm ein Töpfchen, zu dem sollt es sagen »Töpfchen koch,« so kochte es guten süßen Hirsenbrei, und wenn es sagte »Töpfchen steh,« so hörte es wieder auf zu kochen. Das Mädchen brachte den Topf seiner Mutter heim, und nun waren sie ihrer Armuth und ihres Hungers ledig, und aßen süßen Brei so oft sie wollten. Auf eine Zeit war das Mädchen ausgegangen, da sprach die Mutter »Töpfchen koch,« da kocht es, und sie ißt sich satt; nun will sie daß das Töpfchen wieder aufhören soll, aber sie weiß das Wort nicht. Also kocht es fort, und der Brei steigt über den Rand heraus, und kocht immer zu, die Küche und das ganze Haus voll, und das zweite Haus und dann die Straße, als wollts die ganze Welt satt machen, und ist die größte Noth, und kein Mensch weiß si…